Telekom-Prozess: System überwachte viel mehr Personen als geplant

Telekom-Prozess
System überwachte viel mehr Personen als geplant

Überraschende Erkenntnis im Telekom-Prozess: Eine automatisierte Software-Einstellung war der Grund dafür, dass in der Spitzelaffäre Telefonate von mehr als 60 Personen ausspioniert wurden.
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BONN. Das Ziel war nur, Verbindungen zwischen einem verdächtigten Aufsichtsrat und einem bestimmten Journalisten zu finden. Die meisten anderen Verbindungen, darunter auch Telefonate des Verdi-Chefs Frank Bsirske, waren ein Abfallprodukt dieser Suche.

So zumindest stellt es der damalige Mitarbeiter der Unternehmenssicherheit der Mobilfunktochter T-Mobile dar. Er hatte die Verbindungsdaten im Jahr 2005 erhoben und gehört im Prozess deshalb zu den vier Angeklagten. Seine Aufgabe war es, bestimmte Telefonnummern durch ein Telekom-eigenes System zu überwachen. Dann sortierte das System alle eingehenden und abgehenden Rufnummern zu diesem mobilen Anschluss aus und speicherte sie.

Was der Mitarbeiter im Rahmen seiner Bespitzelung aber offenbar nur zufällig herausfand: Das System war so eingestellt, dass es nicht nur die Verbindungen der überwachten Nummer speicherte, sondern automatisch auch alle ankommenden Mobilfunknummern, wenn sie von einem Anschluss der Telekom-Tochter T-Mobile kamen. Für diese Nummern hat das System fortan ebenfalls alle ein- und ausgehenden Nummern gespeichert – so lange, bis der Mitarbeiter die Daten abgerufen und anderswo gespeichert hatte. Dann endete die automatisch ausgelöste Überwachung.

Spitzelaktion sollte Leck im Unternehmen aufspüren

In der Affäre ging es darum, diejenigen in der Telekom zu finden, die Unternehmensgeheimnisse an die Presse weiterleiteten. Die Konzernsicherheit verdächtigte den Aufsichtsrat Wilhelm Wegner. Als Journalist stand der damalige Capital-Redakteur Reinhard Kowalewsky fest, der mit seinem Bericht über die geheime Mittelfristplanung den damaligen Telekom-Vorstandschef Kai-Uwe Ricke in Rage versetzt hatte. Der erteilte daraufhin den Auftrag, die undichten Stellen zu finden. Von illegaler Schnüffelei sei aber nie die Rede gewesen, behauptet Ricke.

Wieso das Telekom-System auf automatische Überwachung umstellte, ist bislang unklar. Das Handbuch dazu sei ein dicker Wälzer und noch dazu in englischer Sprache geschrieben gewesen, erzählte der Mitarbeiter. Seine Ausführungen lassen darauf schließen, dass in der Unternehmenssicherheit von T-Mobile damals keinerlei Kontrollmechanismen existierten. So brauchte der angeklagte Mitarbeiter keinen schriftlichen Auftrag für das Abfragen von Verbindungsdaten.

Für den ehemaligen Innenminister Gerhart Baum, heute einer der Verteidiger der betroffenen Gewerkschafter, ändert seine Aussage nichts an dem Rechtsbruch. „Es bleibt ein Eingriff in die Grundrechte, auch wenn die Nummern automatisch überwacht wurden.“

Sandra Louven
Sandra Louven
Handelsblatt / Korrespondentin in Madrid

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