Ein Sprecher der Telekom sagte, der Konzern wolle sich zum laufenden Verfahren nicht äußern. Die Staatsanwaltschaft in Bonn ermittelt unter anderem gegen Ex-Vorstandschef Kai Ricke-Uwe und Ex-Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel.
Über Kühn ist nur wenig bekannt. Der 52-jährige Wirtschaftsprüfer ist seit 1991 Geschäftsführer der Network Deutschland GmbH in Berlin. Als Unternehmenszweck ließ er die "Verhütung, Aufdeckung und Untersuchung von Betrug in Wirtschaftsunternehmen, die Beratung in Fragen der Kommunikationssicherheit" ins Handelsregister eintragen. Die Mitarbeiterzahl soll bei sechs liegen, der Umsatz bei fünf Mill. Euro.
Der Auftrag der Bahn an Network gewinnt dadurch an Brisanz, dass er - so ein Bahn-Insider - "von ganz oben" komme. Es gebe Grund zu der Annahme, dass er nicht von der Abteilung Konzernsicherheit erteilt wurde, sondern von der Internen Revision. Und diese sei Bahnchef Hartmut Mehdorn direkt unterstellt.
Wie bei der Telekom sickerten auch bei der Bahn immer wieder Informationen in die Öffentlichkeit. Darüber habe man sich im Aufsichtsrat "echauffiert", sagt ein Mitglied des Kontrollgremiums. Der Vorstand habe dann von sich aus erklärt, dass er die undichten Stellen aufspüren wolle.
In zwei Fällen deckte die Bahn Urheber von Indiskretionen auf - und trennte sich von ihnen. Dabei handelte es sich nach Angaben aus dem Konzern um einen Mitarbeiter aus dem Umfeld des früheren Transnet-Gewerkschaftschefs und neuen Bahn-Arbeitsdirektors Norbert Hansen. Über den Mitarbeiter waren Aufsichtsratsvorlagen vor der Sitzung an Medien gelangt. Der zweite Fall betrifft einen hochrangigen Bahn-Manager, der Strategiepapiere zur Bahnreform an einen Gegner der Teilprivatisierung weiterreichte.
Bahn-Aufsichtsratschef Werner Müller reagierte gestern mit Erstaunen auf die Spitzelvorwürfe bei der Bahn. Sein Sprecher sagte dem Handelsblatt: "Herr Müller ist in keiner Weise informiert."
Korruptionsfälle im Konzern geht die Bahn indes schon länger mit Härte an. Seit der Einrichtung der Abteilung Korruptionsbekämpfung vor acht Jahren seien 300 Fälle aufgedeckt worden, teilte der Konzern mit; seit 2007 agiert Wolfgang Schaupensteiner als oberster Korruptionsbekämpfer im Konzern. Er leitete zuvor die Abteilung für Korruptionsbekämpfung bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt. Bahnchef Mehdorn sagte noch vergangene Woche: "Alle sollten wissen, dass wir auf der Jagd sind und mit scharfer Munition schießen."
Krisentreffen im Innenministerium
Bundesregierung und Telekommunikationsbranche wollen den Ursachen der Telekom-Spitzelaffäre auf den Grund gehen. Zunächst soll die Telekom ihre bereits eingeleiteten Maßnahmen für eine bessere Datensicherheit erklären, sagte der Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Hans-Bernhard Beus. Anfang Juli wollen Telekommunikationsverbände und staatliche Stellen wie die Bundesnetzagentur über weitere Schritte beraten, hieß es nach dem zweistündigen Spitzengespräch auf Anregung von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble. Telekom-Chef René Obermann hatte Schäuble zuvor 15 Minuten lang über die Bespitzelungsaffäre informiert.

