Neue Einnahmequellen müssen her, deshalb tüfteln die Unternehmen mit Hochdruck an neuen Services. Innovative Anwendungen im Gesundheitsbereich sollen Umsatz steigern - Sie könnten unseren Alltag in den kommenden Jahren erheblich verändern.
MADRID. Die Telekomunternehmen stehen unter Zugzwang: Wollen Sie ihre üppigen Margen halten, müssen neue Einnahmequellen her. Die Anbieter tüfteln deshalb fieberhaft an neuen Services. Einige davon haben das Zeug, große Teile unseres Alltags zu verändern - vor allem für Senioren.
Hintergrund ist die zunehmende Alterung der Gesellschaft in Europa. Sie macht den Gesundheitsbereich zu einem potenziellen Wachstumsmarkt für die Telekomanbieter. Glaubt man dem Zukunftsforscher Lars Thomsen, werden Senioren künftig nicht mehr von Menschen, sondern von humanoiden Robotern gepflegt. "Zeit wird im Gegensatz zu Geld ein immer wertvollerer Faktor", sagt Thomsen. Deshalb würden Routinearbeiten in der Altenpflege künftig gar nicht anders möglich sein als mit künstlicher Intelligenz.
Ganz so weit springen die Telekom-Unternehmen mit ihren Innovationen heute zwar noch nicht. Doch sie tüfteln bereits an zahlreichen Ideen für den Gesundheitsmarkt. Die spanische Telefónica
bastelt an mobilen Hilfen für Blinde, die vor Baustellen oder Hindernissen auf dem Weg warnen. Vergessliche ältere Patienten sollen künftig via Handy geortet werden: Bewegen sie sich außerhalb eines definierten Radius, klingelt sofort bei Betreuern oder Verwandten das Handy und zeigt auf einer Straßenkarte den aktuellen Standort der Verwirrten an. Älteren Menschen bieten solche Techniken die Möglichkeit, länger alleine zu leben und nicht in ein Altenheim ziehen zu müssen. Die britische BT
Group bietet Puls- und Blutdruckmesser an, den Patienten am Finger tragen, mit mobiler Internetverbindung versorgt. Das Gerät misst automatisch die Werte und überträgt sie online an den Arzt.
"Das ist genau der Weg, den Telekomanbieter einschlagen müssen", sagt Mike Cansfield vom Marktforscher Forrester Research. "Bislang hat die Branche sich nur auf technische Innovationen konzentriert. Was aber nötig ist, sind neue Services, um die Umsätze weiter zu steigern." Allein mit den herkömmlichen Dienstleistungen wie DSL-Verbindungen oder Sprache werden die Anbieter ihre hohen Gewinnmargen nicht halten können. Europäische Marktführer erzielen beim Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) Margen zwischen 40 und 50 Prozent. Die Preise purzeln jedoch immer weiter - sowohl im Mobilfunk als auch im Festnetz.
Die Unternehmen investieren einen Großteil ihrer Gewinne in die Forschung und Entwicklung. Führend dabei ist Telefónica
. Die Madrilenen geben sich trotz düsterer Szenarien für die spanische Konjunktur und die Zukunft der Branche siegesgewiss. "Die Zukunft ist strahlend", behauptet Julio Linares, der als Chief Operating Officer für das operative Geschäft zuständig ist. Er geht davon aus, dass das Wachstum künftig von neuen Anwendungen kommt. Die Netze der Telekomunternehmen würden in der Zukunft eine zentrale Rolle im Alltag einnehmen. "Das Netz wird viel relevanter werden", sagt er. So werde es neue Möglichkeiten geben, große Mengen von Daten direkt im Netz zu speichern anstatt auf der begrenzten Festplatte des Computers.
Ein Hoffnungsträger der Spanier sind die "Pinchos". Wörtlich übersetzt sind das kleine Portionen Tapas. Bei Telefónica
versteht man darunter Dienstleistungen, die das Leben angenehmer machen sollen. So sucht etwa die online verbundene Stereoanlage je nach angegebener Stimmung der Nutzer die passende Musik aus dem Netz. Das ebenfalls mit dem Internet verbundene Fernsehbild liefert per Mausklick Zusatzinfos: Im Idealfall können Tennis-Fans bei einem Match das Schweißband ihres Lieblingsspielers anklicken, werden zur Website von Nike
geleitet und können es dort online kaufen. Experten sind jedoch skeptisch: "Wir reden jetzt schon sehr lange vom interaktiven Fernsehen", sagt Frank Rothauge von Sal. Oppenheim. "Die Telekomanbieter tun sich aber schwer, aus ihren Ideen für neue Dienste Produkten zu machen, die sie an den Markt bringen können."
Viel Forschung
Die Telekomkonzerne investieren einen Großteil ihres Gewinns in Forschung und Entwicklung.
Telefónica
: Die erfolgreichen Madrilenen gaben im vergangenen Jahr 4,3 Mrd. Euro für die Suche nach Innovationen aus - das ist rund die Hälfte des Nettogewinns.
Deutsche Telekom: Der Bonner Konzern investierte 2007 zwar fast 90 Prozent seines Reingewinns in Forschung und Entwicklung - das entsprach aber nur 500 Mill. Euro.
BT
Group: Die Briten gaben mit 1,3 Mrd. Pfund (umgerechnet 1,6 Mrd. Euro) fast drei Viertel ihres Gewinns für Forschung und Entwicklung aus.
Erklärung: Die großen Unternehmen der Branchen haben immer schon viel für Forschung ausgegeben, allein schon bedingt durch den rasanten technologischen Fortschritt: Die Entwicklung von der herkömmlichen Telefonleitung über den ISDN- und den DSL-Anschluss bis hin zu den schnellen Glasfaserleitungen, die derzeit verlegt werden, dauerte nur wenige Jahre.

