Telekommunikation
Griechen erzürnt über Einstieg der Telekom bei OTE

„Moderne Tragödie“ in Griechenland: Während die Delegierten der Deutschen Telekom im Athener Wirtschafts- und Finanzministerium noch über die Modalitäten eines Einstiegs beim griechischen Fernmeldekonzern OTE verhandeln, warnt die Opposition vor einem Autonomieverlust des Landes bei der Wirtschaftsplanung. Die Gewerkschaften befürchten weitere personelle Einschnitte.

ATHEN. Wahrscheinlich werde der Deal zwischen der Deutschen Telekom und OTE Anfang nächster Woche in trockenen Tüchern sein, heißt es in Ministeriumskreisen. Der deutsche Telekommunikations-Konzern will dem Finanzinvestor Marfin knapp 20 Prozent der OTE-Anteile für rund 2,5 Mrd. Euro und weitere Aktien vom Athener Finanzminister übernehmen. In den laufenden Verhandlungen gilt es so heikle Fragen zu klären wie den Umfang der Telekom-Beteiligung (vermutlich 25 Prozent), den Preis für die staatlichen Anteile, die Besetzung des Boards und die Person des künftigen CEO.

Während darum noch gerungen wird, steht für den sozialistischen Oppositionsführer Giorgos Papandreou schon fest, was dabei herauskommt: eine „moderne Tragödie“. So Papandreou am Donnerstag vor OTE-Gewerkschaftern in der Hauptverwaltung des Konzerns im Athener Vorort Maroussi. Der „Verkauf von OTE an ausländische Interessen“ bedeute, dass Griechenland das „Recht auf eine eigene Wirtschaftsplanung für das griechische Volk verliert“, rief Papandreou unter dem Beifall der Arbeitnehmervertreter – um sich dann sogar zu der Warnung zu versteigen, mit dem Einstieg der Deutschen werde „unser Land substanzielle technologische Kompetenz, die sich OTE erarbeitet hat, verlieren“.

So, als stehe jetzt ein Technologie-Transfer von Athen nach Bonn bevor und nicht umgekehrt. Bereits vor Tagen hatte Papandreou die drohende „Enthellenisierung“ des Fernmeldeunternehmens beklagt. Man fühlt sich erinnert an Anfang der 1980-er Jahre, als der Vater des heutigen Oppositionschefs, der Linkssozialist Andreas Papandreou, in seinen Wahlkämpfen gegen die „Macht der Monopole“ zu Felde zog und die Verstaatlichung der „strategischen Unternehmen“ propagierte. Der populistische Linksruck, den Papandreou junior nun vornimmt, dürfte der Versuch einer Antwort auf die katastrophalen Umfragewerte sein, die der Oppositionsführer seit Monaten erntet.

Handfester sind die Motive, aus denen die OTE-Gewerkschaften den Deal bekämpfen: sie fürchten wohl nicht zu Unrecht weitere personelle Einschnitte und wachsenden Leistungsdruck bei dem Unternehmen, das immer noch am Erbe des ehemaligen Staatsmonopolisten laboriert.

Während die Belegschaft versucht, den Einstieg der Telekom mit Streiks abzuwenden und die Opposition einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss fordert, muss sich jetzt auch die griechische Justiz mit dem Fall beschäftigen: der Finanzinvestor Marfin hat den griechischen Fernsehkanal „Star“ auf Zahlung von 150 Mill. Euro Schadenersatz verklagt, weil der Sender den Verkauf des OTE-Aktienpakets von Marfin an die Deutsche Telekom als „Skandal“ bezeichnete.

Pikante Fußnote: „Star“ gehört der im Tanker- und Raffineriegeschäft tätigen Familie Vardinogiannis, mit der sich Marfin-Vizepräsident Andreas Vgenopoulos seit Monaten um die Kontrolle beim Fußball-Erstligisten Panathinaikos streitet. Eine weitere Million Euro Schadenersatz fordert Vgenopoulos von Alexis Tsipras, dem Vorsitzenden der linken Splitterpartei Synaspismos, der im Zusammenhang mit dem Aktiengeschäft sogar von „Betrug“ gesprochen hatte. Ein Trost für den Linkspolitiker: wenn Vgenopoulos die Klage gewinnt, will er das Geld der Partei spenden.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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