Telekomunternehmen in Schwellenländern
Das Ohr zur Welt

In den gesättigten Industriemärkten ist für Telekommunikationsunternehmen kaum mehr Wachstum zu holen. Deshalb suchen sie ihr Heil in Schwellenländern – so wie der norwegische Konzern Telenor in Bangladesch. Dort ist er Mobilfunker und Entwicklungshelfer zugleich. Eine Handelsblatt-Reportage.

DHAKA. An der Wand des kleinen, niedrigen Raums hängt eine batteriebetriebene Lampe – der Strom fällt täglich für mindestens eine Stunde aus. Den etwa 15 Quadratmeter großen Bau teilt ein Vorhang in Büro und Wohnung. Im Büro sitzt Parveen Akhter auf ihrem Sessel aus falschem Leder, dessen Risse sie mit Tesafilm überklebt hat, ebenso wie die Glasplatte auf dem Schreibtisch, die in zwei Teile gesprungen ist. Akhter schaut mit einer Mischung aus Selbstsicherheit und Skepsis in die Runde. Sie ist es gewohnt, ihr eigenes Ding zu machen – gefällige Höflichkeiten sind ihre Sache nicht.

„Nachbarn und Freunde haben mich anfangs stark dafür kritisiert, was ich hier tue“, sagt sie trotzig. „Aber das ist mir egal. Die zahlen meiner Familie keinen Pfennig.“ Akhter ist eine von 280 000 Village-Women in Bangladesch. Das sind Frauen, die für den Mobilfunkkonzern Grameenphone Handys an die Dorfgemeinschaft vermieten. Akhter hat mit dem Job ein soziales Tabu gebrochen: Auf dem Land ist es nicht üblich, dass Frauen arbeiten – schon gar in Berufen, in denen sie mit fremden Männern Kontakt haben.

Hinter dem Konzept der Village-Women steckt der norwegische Telekomkonzern Telenor, der morgen, am 25. Oktober, seine Quartalszahlen präsentiert. Ihm gehören 62 Prozent an Grameenphone, dem Marktführer unter mittlerweile sechs Mobilfunkern, die in Bangladesch auf Kundenfang gehen. Die Norweger haben sich als einer der ersten Anbieter bereits Mitte der neunziger Jahre in Schwellen- und Entwicklungsländer gewagt. Sie erzielen inzwischen bereits 40 Prozent ihres Konzern-Umsatzes dort. Das Geschäft ist vor allem wegen großer politischer Unsicherheiten nicht ohne Risiko.

Dennoch wagen seit kurzem immer mehr Telekomkonzerne den Schritt in Emerging Markets, da in den gesättigten Industriemärkten kaum mehr Wachstum zu holen ist. Vodafone etwa kaufte jüngst in Indien zu, France Télécom steigt in den ehemaligen französischen Kolonien ein. „Schwellenländer sind der große Hoffnungsträger der Mobilfunkbranche auf weiteres Wachstum“, sagt John Delaney vom britischen Marktforscher Ovum. Das Beispiel Bangladesch zeigt, dass selbst in einem der ärmsten Länder der Welt mit Mobilfunk viel Geld zu verdienen ist.

Es zeigt aber noch etwas anderes: Das Geschäftsmodell fördert auch die Entwicklung des Landes. Um ein Handy zu bedienen, muss man weder lesen noch schreiben können. In Ländern wie Bangladesch, wo 41 Prozent der Bevölkerung Analphabeten sind, bietet der Mobilfunk auch den Ärmsten völlig neue Möglichkeiten. Eine Untersuchung der London School of Economics kommt zu dem Schluss, dass das Bruttoinlandsprodukt in Entwicklungsländern um 0,6 Prozentpunkte steigt, wenn die Verbreitung von Handys um zehn Prozentpunkte zunimmt.

Für die Mobilfunkunternehmen ist das ein angenehmer Nebeneffekt – sie sehen sich selbst schon als die besseren Entwicklungshelfer. „Eine gute Entwicklung bedeutet ein gutes Geschäft“, ist der Leitspruch von Grameenphone. Der Marktführer selbst besteht nur zum Teil aus dem gewinnorientierten Konzern Telenor – die restlichen 38 Prozent gehören Grameen Telecom, einer Non-Profit-Organisation und Tochter der Grameenbank. Ihr Gründer Mohammed Yunus hat im vergangenen Jahr den Friedensnobelpreis für sein Konzept erhalten, über die Grameenbank Mikrokredite an Kleinunternehmer zu vergeben.

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