Terrorgefahr, Starkregen
Musik-Festivals im Stresstest

2016 war ein schwieriges Jahr für die Veranstalter. Steigende Kosten durch heftige Unwetter und erhöhte Sicherheitsmaßnahmen bringen höhere Ticketpreise – und verschrecken das wichtige junge Publikum.

HamburgEs war die Terrorgefahr, auf die sich die großen Musikfestivals im Sommer 2016 besonders eingestellt hatten. Polizisten in bunter Party-Kluft mischten sich unauffällig unter die Besucher des Southside-Festivals, Panzersperren riegelten die direkten Zuwege zum Gelände ab, damit kein Lastwagen wie in Nizza in die Menge rasen könnte. Beim Berliner Lollapalooza-Festival streiften in den frühen Morgenstunden sogar Spürhunde über das Gelände, um nach Sprengstoff zu schnüffeln.

Zu Attentaten kam es nicht – dafür setzten unerwartet heftige Unwetter den Veranstaltern zu. Marek Lieberberg musste die 90.000 Besucher von Rock am Ring wegen heftiger Gewitter nach Hause schicken, FKP Scorpio Teile von Hurricane und Southside im Starkregen absagen. Für die Veranstaltungsbranche bedeutet das: Die Kosten steigen, während der Wettbewerb um Künstler und Besucher weiter zunimmt. Es geht um keine kleinen Summen: Auf 2,7 Milliarden Euro bezifferte die GfK schon 2013 den Markt für Musikveranstaltungen in Deutschland. Allein beim Doppel-Festival Southside und Hurricane, das am selben Wochenende mit ähnlichem Line-up stattfindet, setzt der Veranstalter fast 23 Millionen Euro um.  

Kein Wunder, dass das Thema in diesem Jahr das Reeperbahn-Festival als wichtigsten Branchentreff in Deutschland dominiert. In den Clubs von St. Pauli zeigen die Plattenfirmen nicht nur den Bookern die Bands, die 2017 auf den europäischen Bühnen stehen sollen, sondern es diskutieren auch die Verbände und Unternehmen des Musik-Business. Ihre Sorge: Die steigenden Ticket-Kosten könnten vor allem junge Besucher abschrecken.

„Die Leute verstehen nicht immer, weshalb die Tickets teurer werden. Das ist vielleicht auch ganz gut, weil es das Erlebnis entzaubern würde, wenn alle wüssten, was hinter den Kulissen passiert“, sagte Stephan Thanscheidt vom Veranstalter FKP Scorpio. Denn der Wettbewerb im Festival-Business ist knallhart. Das nutzen auch die von den Fans verehrten Bands für sich – und verlangen immer höhere Gagen. Damit gleichen sie auch aus, dass sich an Tonträgern in Zeiten von Musik-Streaming kaum noch etwas verdienen lässt. Waren früher Auftritte Marketing für die CD, ist es heute längst umgekehrt.

Zugleich steigt die Nachfrage nach Bands. Allein der börsennotierte Veranstalter Deutsche Entertainment AG (ADEAG) hat im deutschsprachigen Raum drei neue Festivals gestartet – und nimmt dafür Anlaufkosten in Kauf. „Die Investition hat sich gewaschen und war höher als gedacht“, sagte der operative DEAG-Chef Christian Diekmann mit Blick auf die Kosten für die Headliner für Festivals wie Rock im Revier. Aber: Trotz zunächst geringer Margen zahle sich die Investition aus, die sich DEAG mit 200 Millionen Euro Jahresumsatz erlauben kann. Allerdings wolle der Konzern prüfen, ob alle drei Festivals weiterlaufen. Rock im Revier etwa könnte zur Disposition stehen.

Dennoch seien Festivals für Veranstalter wie DEAG attraktiv, erläuterte DZ-Analyst Harald Heider. Die Margen seien bei ausverkauften Festivals schlichtweg höher als bei Konzert-Tourneen, weil die Künstler mit festen Gagen bedient werden. Zudem können sich die Veranstalter so eigene starke, jährlich zuverlässige Marken aufbauen, statt sich auf starke Tour-Angebote verlassen zu müssen. Die Crux: Auch die weltbekannten Künstler haben bemerkt, dass sie auf eigenen Konzerten besser verdienen. Die ganz großen Touren wie 2016 diejenigen von Coldplay, den Stone Roses und Bruce Springsteen führen an den Festival-Bühnen vorbei.

Der teure Wettstreit um die Bands hat somit Folgen für die Programme. Selbst das dänische Roskilde-Festival, eines der größten und ältesten europäischen Festivals, verzichtete in diesem Jahr auf einen klaren Headliner. „Wir können inzwischen auch Acts auf die Bühne stellen, die allein keine 60.000 Zuschauer ziehen würden. Das schaffen wir, weil Roskilde eine starke Verankerung hat“, sagte Roskilde-Programmchef Anders Wahrén. Sein Ziel: eigene Stars aufbauen. Das Nachsehen haben weniger profilierte Festivals. „Die Leute stimmen mit den Füßen ab. Profiteure sind kleinere Veranstaltungen mit klarem Profil“, sagte Greg Parmley von der europaweit tätigen Branchenorganisation ILMC.

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