„To Vima“ gibt auf
Griechische Schuldenkrise reißt Zeitungen mit sich

Die Schuldenkrise und die Rezession in Griechenland hinterlassen auch Spuren in der Zeitungslandschaft. Am Freitag hat die Tageszeitung „To Vima“ aufgegeben – und erscheint künftig nur noch im Internet. Wegbrechende Werbeeinnahmen und eine schwindende Leserschaft ließen der Zeitung keine Chance. Doch es gab auch peinliche journalistische Pannen.
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ATHEN. Das Ende kam plötzlich. Am vergangenen Freitag erfuhren die Leser der griechischen Zeitung „To Vima“ („Tribüne“), dass sie die letzte Ausgabe des Blattes in Händen hielten. Auf Seite 3 teilte die Zeitung in einem ganzseitigen Editorial mit, dass die Printausgabe mit sofortiger Wirkung eingestellt wird. „To Vima“ gibt es jetzt nur noch in einer Online-Version.

Für Ende Januar 2011 verspricht Herausgeber Stavros Psycharis einen rundum erneuerten Online-Auftritt, mit dem man dann auch Geld zu verdienen hofft. Zuletzt hätten nur rund 8 000 Käufer zu der einen Euro teuren Printausgabe gegriffen, rund 90 000 Leser dagegen hätten „To Vima“ kostenlos im Internet gelesen. Die Zeitung akzeptiere die Entscheidung der Leser und stelle deshalb den Druck ein, hieß es in der letzten Ausgabe des Blattes.

Gänzlich unerwartet aber kam das Aus nicht. Seit Monaten zirkulierten in der Branche Gerüchte über eine bevorstehende Schließung der Zeitung. Bereits Anfang November war ein anderes griechisches Traditionsblatt von den Kiosken verschwunden, die Nachmittagszeitung „Apojevmatini“. Der Verlag meldete Insolvenz an.

Mit der Einstellung von „To Vima“ ist der griechische Blätterwald erneut ärmer geworden. Abgesehen von den reinen Finanzblättern, die in Griechenland nur kleine Auflagen erreichen, bleibt nur noch eine täglich erscheinende Qualitätszeitung übrig, die konservativ-liberale „Kathimerini“, die in rund 30 000 Exemplaren gedruckt wird.

Die vor rund 90 Jahren von dem Verleger Dimitris Lambrakis gegründete linksliberale „To Vima“ gehörte zu Lambrakis Press, dem größten griechischen Medienkonzern. In den 90er Jahren hatte der Verlag das bereits damals chronisch defizitäre Blatt eine Zeitlang vom Markt genommen, später aber mit einem modernisierten, aufgefrischten Layout neu gestartet. Verkaufslokomotive des Konzerns ist zwar das Massenblatt „Ta Nea“, Griechenlands auflagenstärkste Zeitung; dennoch galt „To Vima“ als das journalistische Flaggschiff des Verlages.

Ganz wird der Titel nicht vom Markt verschwinden, denn die Sonntagsausgabe der Zeitung soll weiter in gedruckter Form erscheinen. Mit einer Auflage von rund 120 000 Exemplaren ist sie die zweitgrößte griechische Sonntagszeitung. Das Blatt mache Gewinn, heißt es in der Branche.

Ein Teil der 160 Mitarbeiter, die von der Einstellung der täglichen Printausgabe betroffen sind, könnte bei der Sonntagszeitung beschäftigt werden. Andere sollen für die täglich weiter produzierte Online-Ausgabe arbeiten. Sie werden sich aber auf niedrigere Gehälter einstellen müssen.

Denn Griechenlands größtes Medienunternehmen rutscht immer tiefer in die roten Zahlen. Im ersten Halbjahr brachen die Erlöse um 22,5 Prozent ein. Nachdem der Konzern bereits in den ersten sechs Monaten 2009 einen Verlust von 2,2 Millionen Euro erwirtschaftete, waren es in diesem Jahr bereits 9,7 Millionen. Für das Gesamtjahr erwartet „To Vima“-Chefredakteur Pantelis Kapsis 20 Millionen Miese.

Die griechischen Banken, denen wegen ständig steigender Kreditausfälle selbst das Wasser bis zum Halse steht, machten weitere Darlehen von drastischen Einsparungen abhängig, berichten Informanten, die mit den Verhältnissen vertraut sind.

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  • Ja ja, sinkende Umsatzzahlen wegen offensichtlichen Glaubwürdigkeitsdefiziten sind ja auch im deutschen blätterwald seit jahrzehnten der Gang der Dinge.

    Das ist aber in positives Zeichen, zeigt es doch, daß die bevölkerung sich nicht mehr so einfach für dumm verkaufen lässt.

    Nur für Redakteure heisst das: So wie bisher geht's nicht weiter, entweder objektive gut recherchierte Wahrheiten oder eben pleite gehen und Taxifahren.

    Na Hb, habt ihr euch schon drauf eingestellt ?

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