Traumfabrik will auf sich aufmerksam machen
Der MGM-Löwe brüllt wieder

Das traditionsreichste Hollywood-Studio Metro-Goldwyn-Mayer schmückt sich für den Verkauf.

LOS ANGELES. Der Löwe mit dem weit aufgerissenem Maul blickt entschlossen nach Hollywood. Die Botschaft des meterhohen Wappentiers auf dem Dach der neuen Zentrale von Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) am Rande von Beverly Hills ist klar: Schaut her, wir sind wieder wer. Die traditionsreiche Traumfabrik versucht, sich mit ihrem dunkelgrauen Wolkenkratzer nach Jahren selbst verschuldeter Krisen wieder Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Hinter den Kulissen geht es in den diesen Tagen betriebsam zu. Der japanische Elektronikkonzern Sony will MGM kaufen, verhandelt exklusiv mit den US-Amerikanern. Die Parteien haben sich nur gut zwei Wochen Zeit gegeben – Anfang Juni läuft die Frist ab. Es gehe um rund 5 Mrd. $, wird seit Wochen von informierten Kreisen gestreut. „Das ist doch ein Preis jenseits von Gut und Böse“, heißt es hingegen in Unternehmenskreisen.

Um die Lust auf eine Konzernehe zu erhöhen, schmückt sich die Braut mit guten Geschäften. In diesen Tagen geben sich Fernsehmanager aus Europa, Lateinamerika und Asien bei MGM die Türklinke in die Hand. Über 900 Einkäufer, die über millionenschwere Etats entscheiden, touren derzeit durch Hollywood auf der Suche nach den neuesten Filmen und Serien. „Die Stimmung ist gut“, sagt MGM-Verkaufschef Simon Sutton. „Europa hat sich stabilisiert, und in Lateinamerika und Asien läuft es sehr gut.“

Der Verkauf von Spielfilmen und Serien ist neben dem lukrativen DVD- und Videogeschäft ein wichtiger Gewinnbringer des Konzerns. Wie hoch die Erlöse sind, will Sutton nicht verraten. Nur soviel gibt der smarte Engländer preis: „Es sind mehrere hundert Millionen Dollar.“ Unter dem Strich stand bei MGM im vergangenen Quartal allerdings trotz der Verkaufserfolge von Suttons Abteilung ein Verlust von mehr als 21 Mill. $, und das, obwohl die Umsätze auf überraschende 464 Mill. $ gestiegen waren. Die Schulden erreichen inzwischen Milliardenhöhe – die Kröte muss ein Käufer schlucken.

Im Vergleich zu Konkurrenten wie Warner und Disney ist MGM heute ein Zwerg. Der Konzern hat nicht mal mehr ein eigenes Filmgelände. Das MGM-Gelände in Culver City, wenige Meilen südlich der heutigen Zentrale, hat Sony schon vor Jahren gekauft. Der renditestarke Dauerbrenner „James Bond“ wird inzwischen in den Londoner Pinewood-Studios gedreht, TV-Serien im kanadischen Vancouver wie am Fließband produziert.

Eineinhalb Wochen lang zeigt MGM jetzt im hauseigenen Kino zweimal täglich seine neuen Produktionen. Auf die Einkäufer in den weichen Ledersesseln prasselt eine dreieinhalbstündige TV-Show nieder. Zu den MGM-Stammkunden in Deutschland gehören die ARD und die Privatsender RTL und Pro Sieben. „Erst gestern war Herbert Kloiber hier und hat sich unser neues Programm angesehen“, sagt MGM-Manager Sutton. Der deutsche Filmhändler hat sich mit seiner Tele-München-Gruppe unter anderem „Stargate“, die erfolgreichste Science-Fiction-Serie der Fernsehgeschichte, gesichert.

Doch die wenigsten der vorgestellten Streifen kommen tatsächlich aus der Traumfabrik MGM – das meiste stammt von NBC. Der US-Fernsehsender will über MGM seine Filme wie das einstündige Airport-Drama „LAX“ an den Mann bringen.

Sony geht es aber ohnehin nicht so sehr um das aktuelle Programm, sondern um die Filmbibliothek. Mit rund 4 000 Streifen, darunter Klassiker wie „Der Rosarote Panther“, „Ben Hur“ und „Vom Winde verweht“, ist sie die größte weltweit. Und auf DVD lässt sie sich glänzend vermarkten. MGM baut dieses boomende Geschäft zielstrebig aus: mit eigenen MGM-Stores, ab Juni auch in Deutschland in zehn Karstadt-Filialen vertreten.

Ob die Japaner bei MGM zuschlagen werden, ist nach wie vor offen. Geht es nach dem Willen des MGM-Großaktionärs Kirk Kerkorian, soll die Aktionärsversammlung am 29. Juni grünes Licht für die Übernahme geben. In der Branche werden allerdings die Stimmen derer lauter, die nicht an einer Übernahme glauben. Schließlich habe Sony mit Konkurrenten wie Matsushita und Samsung schon genug zu kämpfen.

Zudem gibt es noch andere Interessenten wie den gerade aus der Taufe gehobenen Medienkonzern NBC Universal. „Die wollen doch mit ihrem Kaufinteresse nur den Preis für Sony hochtreiben, mehr nicht“, prognostiziert allerdings ein Fernsehmanager, der Hollywood seit Jahren kennt. Das Pokerspiel hat gerade erst begonnen.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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