"Trend zur anspruchsvollen fiktionalen Unterhaltung“
RTL kämpft mit neuen Serien gegen Verfolger Sat 1

Im deutschen Fernsehmarkt bahnt sich ein Duell zwischen Marktführer RTL und Herausforderer Sat 1 an. Das Kölner Tochterunternehmen des Medienkonzerns Bertelsmann will mit einer Programmoffensive die hausgemachte Krise überwinden.

BERLIN. Mit einer Mischung aus familienorientierter Unterhaltung und serviceorientierten Reality-Shows will RTL seine Spitzenstellung verteidigen. „Wir sehen einen Trend zur anspruchsvollen fiktionalen Unterhaltung“, sagte die designierte RTL-Chefin Anke Schäferkordt.

Der Berliner Sender Sat 1 greift den langjährigen Marktführer RTL mit neuen Inhalten an: Mit neuen Filmen, Serien und Shows will die Tochter der Sendergruppe Pro Sieben Sat 1 zu RTL aufschließen. „Wir haben das beste erste Halbjahr unserer Geschichte hinter uns und wollen noch weiter kommen“, sagte Sat-1-Chef Roger Schawinski in Hamburg. „Es ist Sat 1 gelungen, einige bemerkenswerte Programme zu etablieren“, gab auch Gerhard Zeiler, Vorstandschef von Europas größtem Fernseh- und Radiokonzern RTL Group, gestern in Berlin zu. Sat 1 hatte bei der Zuschauerquote in den ersten sechs Monaten um 0,5 Prozent auf 10,8 Prozent zugelegt. Hingegen sank der Marktanteil von RTL im ersten Halbjahr von 14 auf 13,2 Prozent.

RTL reagiert auf die Aufholjagd von Sat 1 mit einer Reihe neuer Programme. So planen die Kölner zwei neue Serien am Abend, kündigen neue Shows mit Günther Jauch und Hape Kerkeling an und starten in neuer Jury-Besetzung die dritte Staffel der Musiktalentshow „Deutschland sucht den Superstar“ im Herbst. Die zuletzt schwache Serie „Hinter Gittern“ soll mit besserem Drehbuch neu starten. „Wir müssen härter und disziplinierter am Programm arbeiten“, kündigte Schäferkordt an.

Für die Führungskrise, die sinkenden Quoten und rückläufigen Werbeeinnahmen bei RTL übernimmt Zeiler die Verantwortung. „Wir wissen, dass wir nicht auf dem Gipfelpunkt des Erfolgs sind“, sagte der Österreicher. „Wir werden unsere Fehler nicht wiederholen.“

RTL-Deutschlandchef Marc Conrad wurde Mitte Februar nach nur knapp 100 Tagen von seinem Amt entbunden. RTL-Vorstandschef Zeiler übernahm daraufhin kommissarisch die Geschäfte. Gestern kündigte der 49-Jährige seinen lange erwarteten Rückzug aus der Spitze der RTL-Senderfamilie (RTL, Vox, N-TV, Super RTL, RTL 2) an. Ab 1. September wird die 42-jährige Schäferkordt, früher Chefin von Vox, seine Aufgabe in Köln übernehmen. Zeiler wird sich künftig von Luxemburg aus als CEO ausschließlich um das internationale Fernsehgeschäft kümmern.

RTL ließ unterdessen offen, ob man zusammen mit skandinavischen Medienunternehmen eine Gratiszeitung in Deutschland gründen wird. Zeiler sagte: „Wir halten uns alle Optionen offen. Wir sind aber eine Fernsehgruppe und keine Zeitungsgruppe.“ Die großen Zeitungskonzerne wie Axel Springer (Bild, Welt) und WAZ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung) fürchten um Anzeigenmärkte und gelten als Gegner derartiger RTL-Pläne. Zeiler glaubt, dass die in vielen europäischen Ländern bereits etablierten Gratisblätter auch in Deutschland nicht mehr aufzuhalten sind. „Ich persönlich bin davon überzeugt, dass es in einigen Monaten kostenlose Zeitungen geben wird.“

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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