In den USA verschärft sich die Zeitungskrise zusehends: Der Konjunkturabschwung belastet zahlreiche Anzeigenkunden, die mit der Leserschaft weiter Richtung Internet abwandern. Dort aber bestimmen nicht mehr Zeitungshäuser das Nachrichtengeschehen, sondern Web-Konzerne wie Yahoo oder Google. Der kriselnde Tribune-Verlag ist ein prominentes Beispiel. Doch dem Rest der Branche geht es kaum besser.
Im "Newseum" in Washington dürften - wenn die Flaute der Branche weiter anhält - auch bald einige aktuelle Titel landen. Foto: PR
NEW YORK. Immobilien-Milliardär Samuel Zell ist ein furchtloser Unternehmer. Er sucht das Risiko und bezeichnet sich selbst schon mal als "Grave Dancer". Er investiert in Firmen, die mit einem Bein im Grab stehen. Im Vorjahr hat sich der 66-jährige Mann mit Halbglatze und Weißbart erneut einer bedrohten Spezies angenommen: US-Tageszeitungen.
Samuel Zells Plan, den kriselnden Tribune-Verlag für 8,2 Mrd. Dollar von der Börse zu nehmen, nannten Analysten bereits teuer und gefährlich, als die Finanzkrise noch in ihren Anfängen steckte: Ein Jahr später, in Phase zwei der Kreditklemme, ist die Gefahr akut: Auf dem Konzern lasten seit der Übernahme 12,8 Mrd. Dollar Schulden, und die Geschäfte laufen mit jedem Monat schlechter.
Unter dem Dach von Tribune (19 000 Mitarbeiter) werden Titel verlegt wie die "Los Angeles Times", die "Chicago Tribune" oder "Newsday", die einzige Tageszeitung auf Long Island vor New York. Darüber hinaus betreibt der Konzern zahlreiche TV-Stationen und ist Eigner des Baseball-Teams Chicago Cubs.
Zell musste in der Vorwoche einen prozentual zweistelligen Rückgang beim Anzeigenumsatz einräumen. Das News-Geschäft sei "schlechter als schrecklich", sagte er der Zeitung "Baltimore Sun" in seiner gewohnt offenen Art: "Wenn das die Zukunft ist, dann haben wir keine große Zukunft." Medienexperten sehen das ähnlich, zumindest mit Blick auf Tribune: Es gebe nur noch einen "sehr geringen Sicherheitsspielraum", warnt Fitch-Analyst Mike Simonton.
Um den Schuldendienst von fast einer Mrd. Dollar bedienen zu können, müsse sich Tribune von Tafelsilber trennen. Ganz oben auf der Verkaufsliste stehen das Baseballteam samt Stadion und Namensrechten sowie die profitable Zeitung "Newsday". Das farbige Tabloid (Auflage 387 000) möchte Medienmogul Rupert Murdoch für 580 Mill. Dollar übernehmen und mit seiner seit Jahren defizitären Boulevardzeitung "New York Post" fusionieren.
Die Tribune ist ein prominentes Beispiel der sich verschärfenden Zeitungskrise in den USA, dem Rest der Branche geht es kaum besser. Nach Angaben des Verbandes Newspaper Association of America sank der Werbeumsatz 2007 industrieweit um 9,4 Prozent auf 42 Mrd. Dollar, der höchste Rückgang seit 1950. Im laufenden Jahr hat sich der Niedergang beschleunigt: Derzeit liegen viele Firmen prozentual zweistellig im Minus, unter anderen die "New York Times" sowie die Verlage McClatchy (30 Regionalzeitungen) und Media General (25). Der Konjunkturabschwung in den USA belastet zahlreiche Anzeigenkunden, die gemeinsam mit der Leserschaft weiter Richtung Internet abwandern. Dort aber bestimmen nicht mehr Zeitungshäuser das Nachrichtengeschehen, sondern Web-Konzerne wie Yahoo oder Google.
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Eine Investorengruppe um den Hedge-Fonds Harbinger Capital hat sich mit fast 20 Prozent bei der "New York Times" eingekauft und rüttelt seit Monaten an den Grundfesten der 1851 gegründeten "Grey Lady" - auch weil das Verlagshaus im ersten Quartal überraschend mit 335 000 Dollar in die Minuszone rutschte.
Zu Wochenbeginn musste Times-Chairman Arthur Sulzberger Jr. sogar gegen Gerüchte ankämpfen, dass die US-Ikone des seriösen Journalismus bei New Yorks Bürgermeister und Medien-Tycoon Michael Bloomberg landen könnte: "Diese Firma steht nicht zum Verkauf", betonte Sulzberger auf der Hauptversammlung. Dort musste er zwei Board-Sitze an die neuen Fonds-Investoren abtreten, die den Verlag zum Verkauf von Regionalzeitungen drängen (u.a. Boston Globe) und hohe Investitionen ins Online-Geschäft fordern.
Beim "Wall Street Journal", dem mit zwei Mill. Abonnenten zweitgrößten US-Titel hinter "USA Today", geht es kaum weniger turbulent zu: Seit der Übernahme durch Murdochs Medienkonzern News Corp
. im Vorjahr hat der Traditionsverlag Dow Jones bereits Geschäftsführer, Herausgeber und zahlreiche andere Manager ausgewechselt.
Der jüngste Abgang von WSJ-Chefredakteur Marcus Brauchli habe auch damit zu tun, dass er einer Sparrunde in der New Yorker Zentrale im Weg gestanden haben soll, hieß es in Unternehmenskreisen. Ein baldiger Umzug von weiten Teilen der Redaktion in die Firmenzentrale von News Corp
. nach Midtown sei beschlossene Sache, sagte ein Sprecher von Dow Jones. Beim Erzrivalen "New York Times" wird bereits Personal reduziert, bisher noch über freiwillige Abfindungsangebote. Einer internen Mitteilung an die Belegschaft zufolge werden aber auch Kündigungen nicht mehr ausgeschlossen, um die angestrebten Sparziele zu erreichen.
Der Tribune-Verlag ist mit mehr als 400 Entlassungen schon weiter, er hat es mit Blick auf den hohen Schuldenstand aber auch nötiger. Wer auf Gräbern tanzt wie Milliardär "Sam" Zell, kann sich Sanftmut nicht mehr leisten: Nach Angaben der "Chicago Tribune" hat ihr neuer Eigner das Washington-Büro des Verlags vor der Belegschaft Ende Februar als "personell überbesetztes Kosten-Center" deklariert, das "keinerlei Umsatz" erziele.

