TV-Sender
RTL kauft Wer-kennt-wen komplett

Der Fernsehkonzern RTL beschleunigt den Ausbau seines Internetgeschäfts. Die Tochter des Medienriesen Bertelsmann übernimmt das populäre soziale Netzwerk Wer-kennt-wen komplett.

KÖLN. "Wer-kennt-wen war im letzten Jahr eine der großen Erfolgsgeschichten des Internets in Deutschland. Die komplette Übernahme der Anteile ist daher für uns ein Meilenstein", sagte Marc Schröder, Chef von RTL Interactive, dem Handelsblatt.

Die Internettochter der Kölner Sendergruppe hatte vor einem Jahr 49 Prozent der Anteile von den beiden Gründern Patrick Ohler und Fabian Jager gekauft. Über die Kaufsumme für die restlichen 51 Prozent wurde Stillschweigen vereinbart. In der Branche ist von einem einstelligen Millionen-Euro-Betrag die Rede. Das wird in der Branche angesichts des hohen Wachstums des Online-Angebots als ein Schnäppchenpreis empfunden. Weitere Zukäufe schließt RTL nicht aus, wenn eine Internetfirma gut ins Portfolio passe.

Wer-kennt-wen gilt als eine der Erfolgsgeschichten des Web 2.0. "Wer-kennt-wen ist ein Phänomen. Wir sind hinsichtlich des Wachstums noch nicht an einem Wendepunkt angekommen", sagt Schröder. Ende 2007 zählte das Internetunternehmen gerade eine Mio. registrierte Nutzer. Ende 2008 waren es nach Unternehmensangaben fünf Mio. Nutzer. Weltmarktführer Facebook meldet in Deutschland rund zwei Mio. Mitglieder, der deutsche Primus aus StudiVZ, SchülerVZ und MeinVZ aus der Verlagsgruppe Holtzbrinck ("Zeit", Handelsblatt) insgesamt über 13 Mio.

Den Erfolg erklärt Schröder, der auch für die Unternehmensstrategie bei RTL zuständig ist, so: "Wer-kennt-wen ist ein soziales Netzwerk für jedermann. Es richtet sich eben nicht nur an bestimmte Zielgruppen wie beispielsweise StudiVZ. Das ist ein unschätzbarer Vorteil." Bislang arbeitete Wer-kennt-wen unabhängig von den RTL-Onlinefirmen. Künftig soll die Kennenlern-Community jedoch bei Spezialthemen wie beispielsweise Wetter oder Kochen mit anderen RTL-Seiten "intelligent integriert" werden. Für die Umsetzung sollen die Gründer Ohler und Jager sorgen, die weiterhin Wer-kennt-wen führen werden.

Für den Fernsehkonzern hat die Übernahme eine hohe strategische Bedeutung. "RTL geht im Internet auf Wachstumskurs, denn im klassischen Fernsehen wird es ein Wachstum in ähnlichen Größenordnungen allein durch die fortschreitende Fragmentierung des Markts nicht geben", sagt Schröder, der erst im Sommer 2007 von der Deutschen Telekom zu RTL kam.

Mit dem massiven Ausbau seiner Internet-, Telefon- und DVD-Geschäfte will RTL künftig weniger vom rückläufigen TV-Werbemarkt getroffen werden. "Wir investieren aus strategischen Gründen, auch um noch unabhängiger vom volatilen Werbemarkt zu werden", bestätigt Schröder. Insider berichten, dass RTL Interactive bereits 2007 mit rund 200 Mio. Euro rund zehn Prozent des Gesamtumsatzes erwirtschaftet hat. Offizielle Zahlen gibt RTL derzeit noch nicht bekannt. Die Bilanz für 2008 wird erst am 12. März veröffentlicht. Im Jahr 2007 erzielte die RTL-Sendergruppe (RTL, Vox, N-TV, Super RTL) 1,98 Mrd. Euro Umsatz. Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen belief sich auf 336 Mio. Euro.

Wer-kennt-wen wirft aber für RTL derzeit noch keine Gewinne ab. Die Gewinnzone werde "in einem überschaubaren Zeitraum" erreicht, hieß es bei RTL. Ein genaues Datum wollte der Konzern nicht nennen. Seit Mitte vergangenen Jahres vermarktet die RTL-Werbetochter IP Deutschland die Internetseite. "Wir wollen profitables Wachstum. Es ist aber auch klar, dass wir bei einem sozialen Netzwerk keine kurzfristige und übertriebene Monetarisierung anstreben", sagte Schröder.

Unterdessen ist RTL das wachsende Angebot des öffentlich-rechtlichen Fernsehens im Internet ein Dorn im Auge. "Wir beobachten die Expansion von ARD und ZDF im Internet mit großer Sorge", sagte Schröder. Insbesondere Allianzen mit großen Printverlagen sieht der Stratege als Fehler. "Wir halten Partnerschaften im Internet wie beispielsweise zwischen der WAZ-Gruppe und dem WDR für höchst bedenklich."

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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