Übernahme von Dow Jones
Murdoch nimmt sich das „Wall Street Journal“ vor

Digital und global - das sind für Medienmogul Rupert Murdoch nicht nur Modewörter. Angetrieben von der Überzeugung, dass man im Internet mit Finanzinformationen noch am ehesten Geld verdienen kann, will er nach der Übernahme des Medienkonzerns Dow Jones dessen Flaggschiff "Wall Street Journal" umkrempeln.

NEW YORK. Seit drei Jahren versucht Murdoch, den von ihm beherrschten Medienkonzern News Corp. fit für das Internet zu machen. Alle Sparten - von der TV-Familie Fox bis hin zu den zahlreichen Zeitungen in aller Welt - wurden auf ihre Tauglichkeit für das digitale Zeitalter geprüft. Eine Lücke konnte Murdoch bislang nicht schließen. Auf dem Markt für Wirtschaftinformationen rangierte sein Konzern unter ferner liefen. Die Übernahme des Wirtschaftsverlages Dow Jones mitsamt dessen publizistischem Vorzeigeobjekt "The Wall Street Journal" bringt Murdoch jetzt über Nacht in die Spitzenposition.

Als der Medienunternehmer während des Tauziehens um Dow Jones gefragt wurde, warum er für einen kriselnden Zeitungsverlag fünf Milliarden Dollar ausgeben wolle, antwortete Murdoch: "Ich denke, es ist eine große Chance in der digitalen Ära. Niemals zuvor haben wir eine derart globale Expansion (von Informationen) rund um die Welt gesehen." Digital und global - das sind für Murdoch nicht nur Modewörter. Angetrieben von der Überzeugung, dass man im Internet mit Finanzinformationen noch am ehesten Geld verdienen kann, möchte der Medienfuchs aus dem "Wall Street Journal" eine globale, multimediale Plattform schmieden.

"Er wird die ganze Bandbreite der Dow-Jones-Ressourcen nutzen", sagt Harold Vogel, Medienanalyst in New York. Mit dem Journal als Tagebuch des Kapitalismus und der Nachrichtenagentur Dow Jones kann News Corp. die Wirtschaftsseiten seiner mehr als 100 Tageszeitungen mit Prämieninhalten füllen. Das Anlegerblatt "Barron?s" eignet sich zusammen mit der Wirtschaftsdatenbank Factiva hervorragend zur weltweiten Vermarktung von maßgeschneiderten Anlegerinformationen. Die Webseite WSJ.com, die heute bereits mehr als 930 000 zahlende Abonnenten hat, bietet zusammen mit dem Onlinedienst Market Watch eine digitale Vertriebsplattform für die Finanzinformationen. Medienanalyst Vogel rechnet damit, dass Murdoch das kostenpflichtige Geschäftsmodell von WSJ.com kippen und die Inhalte kostenlos im Internet anbieten wird. "Auf diese Weise kann er erheblich mehr Leser und entsprechend höhere Werbeerlöse erreichen", sagt Vogel.

Murdoch scheint an der Idee durchaus Gefallen zu finden: "Stellen Sie sich vor, das Journal heuert die 200 besten Wirtschaftsreporter der Welt an und vermarktet seine Marke weltweit. Und dann stellt man das Angebot kostenlos online. Das wäre erfolgreich und würde sicher auch ein wenig Geld einbringen", sagte Murdoch dem US-Magazin "Time". Der Medienzar will dabei offenbar zweigleisig fahren: ein kostenloses Angebot soll Nutzerzahlen und Werbeerlöse nach oben treiben. Für das Premium-Angebot mit hochwertigen Inhalten sollen die Onliner weiterhin zahlen.

Dreh- und Angelpunkt der Murdoch-Strategie ist die Zugkraft der Edelmarke des "Wall Street Journal". Der News-Corp.-Chef hat bereits angekündigt, die nationale und internationale Präsenz des Journals auszubauen. Das Hauptstadt-Büro in Washington soll genauso verstärkt werden, wie das Korrespondentennetz im Ausland. Während das Journal in den USA mit einer täglichen Druckauflage von 1,7 Millionen Exemplaren unangefochten an der Spitze der Wirtschaftspublikationen steht, ist die internationale Expansion auch auf Grund fehlender Finanzmittel ins Stocken geraten.

So musste die Wirtschaftszeitung in Europa ihre hochgesteckten Ambitionen begraben. Analysten erwarten, dass Murdoch mit dem Journal jetzt sowohl in Europa als auch in Asien auf Expansionskurs gehen wird. Unter Druck dürfte dadurch vor allem die britische Konkurrentin "Financial Times" geraten. Deren Mutterhaus Pearson hatte deshalb versucht, die Übernahmepläne von Murdoch durch eine Gegenofferte zu durchkreuzen. Das Vorhaben scheiterte jedoch an der enormen Höhe des Murdoch-Angebots.

Was für andere ein irrationaler Preis ist, kann für Murdoch durchaus Sinn ergeben. "Er hat einen Plan, der Dow Jones für ihn wertvoller macht als für jeden anderen", sagt der Medienanalyst Peter Kreisky in Boston. Gemeint sind nicht nur die Synergien zwischen den Dow-Jones-Publikationen und Murdochs Zeitungsimperium. Seine Pläne reichen weiter. "Ich will News Corp zum führenden Inhalte-Anbieter machen, sei es bei Nachrichten, Meinungen, im Film oder Fernsehen", sagte Murdoch vor der Übernahme.

Sein nächstes Projekt ist ein eigener Wirtschaftsfernsehsender in den USA. Unter dem Namen "Fox Business Channel" wird News Corp. im Herbst dem Marktführer CNBC die Stirn bieten. Das Journal mit seinem hohen Bekanntheitsgrad kommt dem Konzern dabei wie gerufen. Zwar hat die Wirtschaftszeitung mit CNBC noch bis 2012 einen Kooperationsvertrag. Beobachter erwarten jedoch, dass Murdoch versuchen wird, sich aus dem Vertrag freizukaufen und möglicherweise seinen Wirtschaftskanal in "Wall Street Journal TV" umbenennt. Mit der Edelmarke könnte er danach auch seine Sky-TV-Kanäle rund um den Globus schmücken. Was bei den Inhalten funktioniert, soll auch im Anzeigengeschäft laufen. Durch die multimediale Strategie ergeben sich für News Corp. Möglichkeiten, den Werbekunden Pakete für alle wesentlichen Vertriebskanäle anzubieten.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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