Übernahme von Nokia
Aus Microsoft wird Microhard

Mit dem Kauf der Handysparte von Nokia wird aus dem amerikanischen Software-Hersteller Microsoft ein Hardware-Produzent – samt eigener Fabriken. Doch wissen die Windows-Macher damit wirklich etwas anzufangen?
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DüsseldorfMicrosoft vollzieht einen radikalen Schritt: Der Windows-Konzern, der jahrelang hauptsächlich Software verkaufte, übernimmt die Handysparte von Nokia und stellt künftig selbst Hardware her. Damit kann er nun Betriebssystem und Gerät aus einer Hand anbieten, wie es auch Erzrivale Apple tut. Aus Microsoft wird Microhard.

Das Unternehmen rüstet für die rasanten Veränderungen in der Technologiewelt. Weil die Nutzer immer häufiger zu Smartphones und Tablets greifen, werden immer weniger PCs verkauft. Für den Kauf gibt es somit vor allem einen Grund: Angst.

Angst davor, dass die beherrschenden Smartphone-Plattformen von Google (Android-Marktanteil: fast 80 Prozent) und Apple (iOS-Marktanteil: 13,7 Prozent) ihre Geräte für fremde Apps sperren könnten. Angst davor, dass die Konkurrenz die Integration fremder Dienste erschweren oder schlicht die Preise erhöhen könnte – und Microsoft somit weniger Chancen hätte, seine Software auf den Geräten anzubieten. Und Angst, dass sich der Partner und wichtigste Kunde Nokia irgendwann gegen Windows Phone entscheidet.

Da Smartphones aus dem Alltag nicht wegzudenken sind, sind die Geräte für die Verbreitung anderer Microsoft-Produkte zentral. Bislang hat das mobile Microsoft-Betriebssystem Windows Phone aber nur 3,7 Prozent Marktanteil, davon machen Nokia-Telefone seit der 2011 gestarteten engen Kooperation den weitaus größten Anteil aus. In den vergangenen Monaten forcierte der scheidende Microsoft-Chef Steve Ballmer daher die Verhandlungen mit dem Nokia-Verwaltungsratschef Risto Siilasmaa. Ernsthaft diskutierten sie Ende Februar auf einer Mobilfunkmesse in Barcelona.

Mangelnden Ehrgeiz kann Ballmer angesichts des Kaufs des Handy-Geschäfts des Nokia-Geschäfts niemand vorwerfen. Bis 2018 soll Microsoft jährlich 255 Millionen Smartphones verkaufen und damit einen Umsatz von etwa 45 Milliarden Dollar erzielen. Das Problem daran: In den zurückliegenden vier Quartalen setzte Nokia gerade einmal etwa 20 Millionen Geräte der Baureihe Lumia ab. Und um zumindest operativ keinen Verlust zu machen, muss Microsoft nach eigenen Angaben 50 Millionen Smartphones im Jahr verkaufen.

Microsoft gehe eine große Wette ein, aber „angesichts der völligen Abhängigkeit von Windows Phone von Nokia ist das ein verständlicher Schritt“, urteilt Ben Wood, Mobilfunkexperte der britischen Firma CCS Insight. Mehr als 80 Prozent der Windows-Phone-Geräte tragen das Nokia-Logo. Zwar bieten auch HTC und Samsung Windows-Telefone an. Doch die Begeisterung, das fortzuführen, dürfte jetzt schrumpfen.

Microsoft übernimmt erstmals in der Firmengeschichte mit dem Kauf auch etliche Fabriken – mit allen verbundenen Risiken. Nokia produziert in den Ländern Brasilien, China, Mexiko, Indien, Südkorea und Ungarn. Ein Werk in Vietnam ist im Aufbau. Zwar hat Microsoft schon länger den Wandel zum Konzern für Geräte und Dienstleistungen („devices and services“) angekündigt, doch so konkret wie am Dienstag ist der Schritt selten geworden.

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Apple und Google machen es vor

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  • Als der iGod mit seinen iOS und später Google mit Android im Handyhimmel auftauchtete ist Nokia mit Symbian ganz schön tief gefallen. Nokia bot keinen benutzerfreundlichen Weg um alle möglichen internetfähigen Endgeräte miteinander zu koppeln. Und jetzt packen sie sich mit einem Complementär zusammen der genauso von dieser aufgekommenden Kundenanforderung überrascht wurde. Vielleicht ist es für MS und Nokia das Aufbäumen ihrer letzten Schlacht. Die Chance ist da, aber die Ausgangssituation eher schlecht.

    Interessant ist dann noch, was aus der Reste-NSN-HERE-Patente-Firma wird. Für ein IG-Rating sieht das ja noch etwas ideenlos aus. Da sollten die Nokia-Chefs lieber noch mal in ihr Patentportfolio gucken, eine Strategie entwickeln. Ganz ehrlich denke ich, dass IG als Ziel totaler Blödsinn ist. Nokia sollte aggressiv mit viel Kredit um NSN herum Firmen übernehmen, und sich 2 oder 3 Sachen aus ihren Patentportfolio durch die Produktpipeline schieben. Dafür bekommt man zwar nicht auf die Schnelle ein IG-Rating, aber dafür eine Zukunft.

  • Schade um die guten Nokia Phones, welche damit endgültig in die Hände des amerikanischen Überwachungsstaates gelegt werden. Nokia hätte sich stattdessen den zwischenzeitlichen Experimenten mit OpenSource Betriebssystemen hingeben sollen und damit ein unabhängiges Gegengewicht schaffen können. Die mit dem Nokia N900 und E7 vorhandene Hardware und der Kartendienst waren doch eine gute Ausgangsbasis.

    Eigentlich überfällige OpenSource Smartphones sind damit leider nicht in Sicht.

  • Schade um die guten Nokia Phones, welche damit endgültig in die Hände des amerikanischen Überwachungsstaates gelegt werden. Nokia hätte sich stattdessen den zwischenzeitlichen Experimenten mit OpenSource Betriebssystemen hingeben sollen und damit ein unabhängiges Gegengewicht schaffen können. Die mit dem Nokia N900 und E7 vorhandene Hardware und der Kartendienst waren doch eine gute Ausgangsbasis.

    Eigentlich überfällige OpenSource Smartphones sind damit leider nicht in Sicht.

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