Übernahmewelle
Silicon Valley jagt wieder nach Start-ups

Das Jahr 2009 war für die amerikanische Web-Szene eines der Agonie. Bis jetzt. Seit vergangener Woche rollt eine neue Übernahmewelle durch das Silicon Valley. Die großen Spieler stärken sich mit Übernahmen von innovativen Internet-Firmen. Kleine Gründer profitieren vor allem vom Wettbewerb der Social Networks.

DÜSSELDORF. Keine großen Übernahmen, magere zwei Börsengänge, wenig Neufinanzierungen – das Jahr 2009 war für die amerikanische Web-Szene eines der Agonie. Bis jetzt. Seit vergangener Woche ist Bewegung im Silicon Valley. Eine neue Übernahmewelle rollt durch das Zentrum der Netzwirtschaft.

Erst kaufte Facebook das Start-up Friendfeed, bei dem Nutzer all ihre Online-Aktivitäten vereinen. In der Nacht zu Dienstag konterte der Rivale Myspace: Das angeschlagene Social Network übernimmt für 20 Mio. Dollar den Musikdienst Ilike. Gleichzeitig verleibt sich der Nachrichtensender MSNBC den Nachbarschaftsnachrichtendienst Everyblock ein. „Einige Millionen Dollar“ habe das gekostet, berichtet das „Wall Street Journal“.

Schon im zweiten Quartal zeichnete sich eine Trendwende ab. Das über alle Branchen in den USA investierte Wagniskapital stieg laut des Branchenverbands NVCA um 15 Prozent auf 3,67 Mrd. Dollar. Ein Hoffnungszeichen, wenn auch weit entfernt von den 7,56 Mrd. Dollar des Vorjahreszeitraums. NVCA-Präsident Mark Heesen klingt optimistisch: „Nach der Hälfte des Jahres 2009 sehen wir mehr positive Zeichen als zu Jahresbeginn. Dazu gehört ein Anstieg der Investitionshöhen und ein gestiegenes Interesse an Beteiligungen in sehr frühem Stadium.“

Vor allem rund um Social Networks ranken sich die Hoffnungen. Facebook behauptet, mit einem Umsatz von 550 Mio. Dollar dieses Jahr einen positiven Cash-Flow zu erzeugen – Investitionen sind da möglich.

Myspace dagegen ist schwer angeschlagen. Die Tochter von Rupert Murdochs Fox Interactive brachte dem Gesamtkonzern jüngst deutliche Abschreibungen und hohe Verluste ein. Folge: ein massives Restrukturierungsprogramm. Wie viel Fox Interactive genau umsetzt, gibt der Mutterkonzern News Corp. nicht an. Den Kampf um die Vorherrschaft hat Myspace aber noch nicht aufgegeben. Zwar zählt der Dienst mit 263 Millionen Mitgliedern theoretisch mehr als Facebook – doch befinden sich darunter reichlich Karteileichen. Der Kauf von Ilike, einem Dienst, bei dem die Nutzer Musik auf Basis ihres Geschmacks empfohlen bekommen, zielt direkt auf Facebook: Ein Fünftel der 50 Millionen Ilike-Nutzer verwenden den Dienst auf ihrem Facebook-Profil. Myspace litt bisher unter einem Geburtsfehler: Zwar gilt der Dienst als wichtiger Marketingfaktor für Musiker. Doch fehlte bisher ein Verkaufsrecht für digitale Musik. Diese Funktion bedient Amazon als Dienstleister und beanspruchte dafür natürlich eine Provision. Ilike bringt nun eigene Verkaufsrechte mit und könnte Amazon bald ablösen. Das ist Myspace 13,5 Mio. Dollar in bar wert, acht Mio. davon erhält Ilike-Investor und Eintrittskartenverkäufer Ticketmaster. Weitere sechs Mio. erhalten Ilike-Mitarbeiter als Halteprämie. Ray Valdes, Analyst beim Marktforscher Gartner, reicht die Übernahme nicht: „Die Versuche, Myspace zu verbessern, wirken fragmentiert. Sie müssen eine Linie finden oder werden abrutschen.“

Ein weiterer Bereich, in den derzeit Investitionen fließen, sind journalistische Inhalte. Während die US-Zeitungen sich im Überlebenskampf winden, versuchen im Netz neue Institutionen die Nachrichtenversorgung abzudecken.

So brüstete sich jüngst AOL mit einer 1 500 Mann starken Redaktion. Der oft totgesagte Dienst kauft derzeit Blog-Autoren ein, um sie in sein Angebot zu integrieren. Schon finden sich unter den 100 meistverlinkten US-Seiten zehn aus dem Hause AOL. „Das Management hat dort ein klares Verständnis für die Ökonomie und die Strategie von Inhalten im Netz“, lobt Rob Norman, Chef des Werbevermarkters Group M Interactive, gegenüber der „New York Times“.

Die Begeisterung für Inhalte teilt MSNBC. Der Kauf von Everyblock verschafft dem Sender ein Standbein bei Lokalberichten. Everyblock filtert Nachrichten aus dem ganzen Internet nach Postleitzahl – eine Art Google News für die Nachbarschaft. Und schon steht der nächste Übernahmekandidat wohl fest. Die erst im Juli gestartete Unterhaltungselektronikseite GDGT soll im Fokus des TV-Senders CBS und von Amazon sein, berichtet der Branchendienst Techcrunch.

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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