Umstrittene Regierungsentscheidung
Indiens Mobilfunkmarkt steht vor dem Umbruch

Für ausländische Telekommunikations-Konzerne ist Indien ein schwieriger Markt: Die Unsicherheit in Sachen Regulierung ist groß.

NEU DELHI. Künftig können Telekom-Anbieter in Indien mit nur einer Lizenz Festnetz- und Mobilfunkdienste verkaufen. Die kontroverse Entscheidung des Kabinetts verdeutlicht die massive Regulierungsunsicherheit in Indiens explosiv wachsendem Telekommarkt – jeden Monat kommen in Indien 5 Millionen Kunden hinzu, aber erst 24 Millionen Inder besitzen ein Handy. Zudem zeigt sie das Investitionsrisiko, das Ausländern künftig bei Großprojekten in Indien droht.

Die Bestimmung nützt vor allem Betreibern von „Wireless Local Loop-Diensten“ (WLL) – allen voran Marktführer Reliance. Denn das größte Privatunternehmen wird damit durch die Hintertür zum großen nationalen Mobilfunkanbieter.

Indiens WLL-Dienste basieren auf der amerikanischen CDMA-Technologie und boten bislang nur Mobilfunk innerhalb eines Radius’ von 50 Kilometern – offiziell sind es erweiterte Festnetzdienste. Obwohl technisch möglich, durften WLL-Anbieter bislang kein landesweites Roaming anbieten. Für die indischen Mobilfunkanbieter, die die europäische GSM-Technologie verwenden, war dies ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Reliance missachtet das Roaming-Verbot seit Jahresanfang und hat die Handys seiner Kunden Gerichtsurteilen entgegen landesweit auf Empfang geschaltet. Reliance verzeichnet als nun „voller“ Mobilfunkanbieter den schnellsten Kundenzuwachs im Land.

Die Kabinettsentscheidung legalisiert den Regelverstoß von Reliance gegen die Zahlung von 350 Mill. $. Das ist weitaus weniger als das, was GSM-Anbieter für ihre Lizenzen bezahlen mussten. Medien werfen der Regierung „Kumpelkapitalismus“ vor, denn die Entscheidung nützt vor allem den WLL-Anbietern Reliance und Tata – beide Konzerne sind in der Hand von Indiens reichsten Tycoonen.

Klare Verlierer sind die führenden GSM-Anbieter, in denen bis auf die staatliche Gesellschaft BSNL viel Auslandskapital steckt: Singapore Telecom und Warburg Pincus halten große Anteile an Bharti, AT&T besitzt ein Drittel von Idea, Hutch wird von Hutchison kontrolliert. Analysten zufolge müssen diese Konzerne wegen der verschärften Konkurrenz künftig bluten. Bei einer Konsolidierung würden kleinere Anbieter wie Escotel und BPL auf der Strecke bleiben.

Die GSM-Anbieter verlangen vom Staat 4 Mrd. $ Entschädigung. Insgesamt haben sie über 5 Mrd. $ investiert und 2 Mrd. $ Anlaufverluste angehäuft, die Gewinnschwelle kommt gerade in Blickweite. Doch Analysten sehen die Mobilfunker in der Defensive, weil ihre Infrastruk- turkosten viel höher liegen als bei der WLL-Konkurrenz. Diese kann mit Hilfe der CDMA-Technik zudem das äußerst knappe Frequenzband besser nutzen. GSM-Handys haben in Delhi oder Bombay ständig mit Verbindungsabbrüchen zu kämpfen, in Spitzenzeiten kommt man kaum ins Netz. Ohne die Vergabe weiterer Frequenzen und die Erhöhung der Obergrenze für Investitionen aus dem Ausland in die Branche (derzeit 49 %) dürften es Hutch, Bharti und Idea noch schwerer haben, im neuen Konkurrenzumfeld zu bestehen. Die Entscheidungen darüber hat das Kabinett aber auf unbestimmte Zeit vertagt.

Auch für GSM-Netzausrüster und Handy-Hersteller wie Siemens ist die Regelung ein Rückschlag. Denn sie verschiebt die Wachstumsdynamik des viel versprechenden indischen Mobilfunkmarkts hin zur CDMA-Technologie: Das Telekomministerium erwartet, dass der Marktanteil der GSM- Dienste innerhalb von drei Jahren von 80 % auf 60 % sinkt, weil WLL/CDMA-Anbieter künftig viel schneller wachsen. Sie sollen ihre Kundenzahl bis 2006 auf 40 Millionen verzehnfachen, während sich die Zahl der GSM- Kunden auf 60 Millionen verdreifacht. Das begünstigt Anbieter von CDMA-Technologie wie die US- Firma Qualcomm oder LG und Samsung aus Südkorea.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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