Ungebremste Aufwärtsprognose: Netflix auf der Überholspur Richtung Europa

Ungebremste Aufwärtsprognose
Netflix auf der Überholspur Richtung Europa

Netflix steht in Deutschland in den Startlöchern: Im September will das Videoportal in der Bundesrepublik auf Sendung gehen. In den USA hat Netflix den Fernsehmarkt bereits kräftig aufgemischt - mit erfolgreichen Zahlen.
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San FranciscoEs ist eher symbolisch, aber es ist ein Meilenstein. Erstmals haben in einem Quartal über 50 Millionen Haushalte den Online-Videodienst Netflix abonniert. Für das laufende Quartal erwartet Vorstandschef Reed Hastings einen ungebremsten Aufwärtstrend. Während sich das Wachstum in den USA langsam abschwächt, wird die internationale Expansion angeheizt. Ende September soll die Zahl der Abonnenten trotz einer jüngsten Preiserhöhung bei 53,74 Millionen stehen.

Die ersten Verträge werden dann auch in Deutschland geschlossen. Hier ist der Start „für September“ geplant. Das genaue Datum steht noch nicht fest. Im abgelaufenen Quartal lag der Umsatz mit 1,34 Milliarden Dollar um 36,9 Prozent über Vorjahr. Das Nettoeinkommen sprang um 144 Prozent auf 71 Millionen Dollar. Die ohnehin schon luftig bewertete Aktie legte am Montag noch einmal zu. Dabei sind die Risiken größer denn je.

Auswahl an über 10.000 Filmen und TV-Episoden

Wer „Das Boot“ oder Henning Mankells „Der Chinese“ in Deutsch mit englischen Untertiteln sehen will, der hat in den USA nur eine Wahl: Netflix. Der Online-Streaming-Service ist bei Amerikanern beliebt für seine zahlreichen TV-Serien, bei Ausländern und Einwanderern für sein reichhaltiges Programm an teilweise hochwertigen fremdsprachigen Titeln.

Was auch immer der Geschmack ist, unter seinen über 10.000 Filmen und TV-Episoden findet sich schon irgendwas, vom deutschen U-Boot-Drama über amerikanische Sitcoms bis zum chinesischen Volkshelden „IP Man“. Er trotzte den Japanern im zweiten Weltkrieg verlor seine ganze Familie, zog schließlich nach Hongkong, wo er in seiner kleinen Sportschule einem schmächtigen Jungen Karate beibrachte: Bruce Lee.

Netflix hat wie kein anderer den verkrusteten US-TV-Markt aufgemischt. Die Standardangebote traditioneller Kabelfirmen wie Comcast, AT&T oder Time Warner Cable sind ihrer Belanglosigkeit einfach unschlagbar. Die Basispakete sind eine wirre Mischung aus englisch- und spanischsprachigen Kanälen und jeder zweite Kanal ist eine 24-Stunden-Dauerwerbesendung für Küchenmaschinen, Diätpillen, oder Anti-Aging-Cremes. Ein einigermaßen komplettes Programm mit attraktiven Kanälen wie HBO, ESPN, History Channel, Bloomberg und CNN kostet schnell 100 Dollar pro Monat. Für früher acht, heute neun Dollar im Monat ist Netflix da die Alternative für den Serien- und Filmfreund, der sich seine täglichen Nachrichten längst im Internet holt.

Kann Netflix den US-Erfolg international wiederholen?

Diesen Erfolg hofft das kalifornische Start-Up international zu wiederholen. „Der Start in Märkten mit zusammen über 60 Millionen Breitband-Haushalten wird unsere europäische Präsenz signifikant ausbauen und unseren theoretisch erreichbaren Markt auf 180 Millionen Haushalte erweitern“, rechnet Vorstandschef Hastings vor. Neben Deutschland sind Länder wie Frankreich, Belgien oder die Schweiz das Ziel.

Schon das zweite Quartal verdeutlicht die Bedeutung des internationalen Geschäfts. Von den 1,69 Millionen Neukunden kamen 1,12 Million aus dem Ausland. Aber Kritiker verweisen gerne auf die unterschiedlichen TV-Märkte. Zum Beispiel Deutschland mit einem breiten, frei zu empfangenden Programmangebot gilt als schwieriger Markt.

Die Fokussierung auf internationale Märkte gerade jetzt kommt dabei nicht von ungefähr. In den USA steht die Fusion von Comcast und Time Warner Cable bevor, was in weiten Teilen der USA für monopolähnliche Zustände beim Internetzugang führt. Mit einem gleichzeitig drohenden Fall der Netzneutralität ist das eine beängstigende Aussicht für Hastings, der keinen Hehl daraus macht, dass er die 45 Milliarden-Dollar-Fusion bis zum Ende bekämpfen will. Dabei weiß er gar nicht, wo er zuerst anfangen soll zu toben.

AT&T will gleichzeitig in einer Riesenfusion den Satellitendienst Direct TV übernehmen. Der Firma aus Los Gatos drohen dann im Zweifel deutlich höhere Kosten, damit die Kabelgiganten ihren Dienst auch wirklich bis zum Kunden durchleiten. Auch die Endkunden selbst könnten dann für den Netflix-Empfang von Comcast&Co extra zur Kasse gebeten.

Die nächste Katastrophe droht, wenn der Mediengigant 21st Century Fox den Zuschlag für die Mediengruppe Time Warner Inc. erhalten sollte. Das könnte eine spürbare Verteuerung der TV- und Filmrechte nach sich ziehen, wenn Netflix immer mehr Inhalte aus einer Hand kaufen muss.

Als Gegenreaktion hat Hastings bereits damit begonnen eigene, hochwertige TV-Serien „House of Cards“ oder „Orange is the New Black“ zu produzieren, die exklusiv über seinen Dienst ausgestrahlt werden. Heute werden über Netflix nach eigenen Angaben monatlich eine Milliarde Stunden an TV- und Filmprogramme an die Kunden ausgeliefert.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
Handelsblatt / Korrespondent

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  • Habe ich das richtig verstanden: Wenn ich einen deutschen Film in deutscher Sprache mit englischen Untertiteln sehen möchte, sollte ich Netflix abbonieren.

    Wenn ich englischsprachige Filme im Originalton schauen möchte, wäre Netflix die Lösung.

    Und woran liegt jetzt der Reiz, Netflix zu abbonieren? Filme im Originalton wurden hierzulande eingestellt, weil sie niemand schaut.

    Und wieder wird einem US-Unternehmen hierzulande besondere mediale Aufmerksamkeit beschert, nur weil es wieder irgendein Scheiß aus Amiland ist.

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