US-Medien
Abspecken bis zum Exitus

Dem "San Francisco Chronicle" droht das Ende und einer Großstadt erstmals der Verlust der einzigen Tageszeitung. Das Schicksal San Franciscos droht auch andere US-Städte zu ereilen. Und das wären nur die spektakulären Fälle. Denn das Zeitungssterben grassiert in ganz USA.

SAN FRANCISCO. "Das Unternehmen lehnt jede Stellungnahme ab". Diesen Satz kennen Journalisten bis zum Überdruss. Kein Satz im US-Journalismus wird im Wirtschaftsteil so oft abgedruckt. Der Ausweis gründlicher Recherche ist zur Floskel geronnen.

Doch jetzt üben immer häufiger selbst berühmte Zeitungen diese Abwehrhaltung ein. "Die Chefredaktion lehnt jede Stellungnahme ab," heißt es bei der einstmals renommierten Qualitätszeitung "L.A. Times" in Los Angeles und beim "San Francisco". Beide Zeitungen stehen - wie Dutzende andere in den USA - seit Monaten auf den Todeslisten ihrer Verleger. Die Nachrufe sind geschrieben, das Bedauern ist oft nur höflich. Und das Verstummen der Chefredakteure verständlich.

Denn den USA ist eine Zeitenwende im Gange. San Francisco verliert, Branchenanalysen zufolge, mit dem "Chronicle" die einzige Tageszeitung, für die die Einwohner noch Geld ausgeben. Das Blatt hat Tradition und einigen Anhang in der Politik der Stadt. Doch ihr Besitzer, die Verlagskette "Hearst", macht seit Jahren keine Gewinne mit ihr.

Im Gegenteil. Seit der Übernahme der Zeitung im Jahr 2000 schreibt das Blatt rote Zahlen und schippt seit Anfang 2008 jede Woche eine Million weitere Dollar auf den Schuldenberg. Die Auflage ist im steten Fall und von 470 000 auf 330 000 Exemplare am Tag geschrumpft. Seit Ende 2003 hat sie ein Drittel der Leser verloren. Deshalb will Hearst die Zeitung entweder dicht machen oder verkaufen. Doch im ganzen Land stehen Zeitungen wie Sauerbier zum Verkauf an. Und keiner will im Land des Pulitzer Preises und des von Tageszeitungen aufgedeckten Watergate-Skandals etwas mehr für sie bieten.

Auch die Leser, die Konsumenten immer seltener. "Ich lese den Chronicle schon lange nicht mehr. Er macht aus San Francisco eine unbedeutende Kleinstadt," ereifern sich enttäuschte Leser manchmal in Leserbriefen über die Provinzialität "ihrer" Gazette, besonders seitdem Hearst der Redaktion eine lange, radikale Abmagerungskur verordnet hat. Anspruch und Wirklichkeit bei Leser und Zeitung könnten kaum stärker voneinander abweichen. Denn die Leser jagen einem Phantom hinterher.

San Francisco ist mit seiner schrumpfenden Einwohnerschaft von 760 000 Einwohnern in seiner politischen oder kulturellen Bedeutung keiner europäischen Metropole ebenbürtig, auch nicht Los Angeles und schon gar nicht New York.

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