USA
Managern drohen hohe Strafen im Options-Skandal

In den USA geht die Angst um, der Skandal um die Rückdatierung von Aktienoptionen könne nach Monaten der Ruhe mit ungeahnter Wucht zurückkehren. Vor allem in Silicon Valley wächst das Unbehagen nach dem ersten schockierenden Schuldspruch.

NEW YORK. Der überraschend einstimmige Schuldspruch gegen den früheren Chef der IT-Firma Brocade Communications, Gregory L. Reyes, hat Rätselraten in Amerikas Anwaltsbüros und neues Unbehagen in den Chefetagen der US-Wirtschaft ausgelöst: Reyes drohen bei einer Verurteilung bis zu 20 Jahre Haft.

Experten gehen davon aus, dass jetzt zahlreiche Firmenvorstände zittern, die mit dem vermeintlich harmlosen Finanztrick gearbeitet haben. Das US-Justizministerium werde durch den Schuldspruch ermuntert, weitere Fälle vor Gericht zu bringen, sagte Strafverteidiger Sean O' Shea der „New York Times“. Gefährdet seien vor allem Manager, denen bewiesen werden kann, dass sie Dokumente gefälscht und ihren Aktionären Informationen vorsätzlich verschleiert hätten.

Die Liste der Adressen, die im Zuge der Rückdatierung von Aktienoptionen ins Visier der Behörden geraten sind, umfasst etwa 140 Firmen: von A wie Apple bis Z wie Zoran. Dem „Wall Street Journal“ zufolge wird derzeit gegen 16 leitende Manager aus acht Unternehmen strafrechtlich ermittelt; sieben sind bereits schuldig gesprochen. Sie alle haben Daten für die Vergabe von Wertpapieren an Mitarbeiter nachträglich geändert. Optionen räumen dem Besitzer das Recht ein, Aktien zu einem zuvor festgelegten Preis zu kaufen. Durch das Verschieben auf einen Tag, an dem der Börsenkurs besonders niedrig notierte, steigt der Wert der Optionen. Die Rückdatierung ist strafbar, wenn der so gewonnene Mitarbeiter-Zuschuss nicht als Aufwand in den Bilanzen gezeigt wird.

Bis heute ist die Auffassung insbesondere im IT-Paradies Silicon Valley verbreitet, die gängige Praxis aus den Boomjahren der New Economy sei juristisch eine Lappalie. Experten indes sehen im Schuldspruch gegen Reyes ein klares Signal, dass die Affäre um so genannte „Stock Options“ von der Justiz und den Geschworenen ernst genommen wird. Im Fall Brocade hielten sie Gregory Reyes, den Neffen von Google-Finanzchef George Reyes, in allen zehn Anklagepunkten für schuldig. Gemeinsam mit der früheren Brocade-Personalchefin hatte er in den Jahren 2000 und 2004 systematisch Wertpapiere zurückdatiert, Dokumente gefälscht und damit die eigenen Aktionäre betrogen. Dabei konnte die Verteidigung noch darauf verweisen, dass Reyes die Aktienoptionen nur für Mitarbeiter und nie für sich selber zurückdatieren ließ – angeblich um Talente in der eigenen Firma zu halten. Zudem galt die Beweislage unter Experten als eher dünn. In anderen Fällen, wie beim Chiphersteller Integrated Silicon Solution, gibt es laut US-Magazin „Business Week“ deutlich klarere Beweise wie E-Mails. Die Regierung werde deshalb weitere verdächtige Firmen vor Gericht bringen, glaubt Kevin Ryan, der die Brocade-Klage in San Francisco eingereicht hatte: „Jetzt gibt es Richtlinien, der Standard ist gesetzt.“

Apple ist die bekannteste Firma, die ins Visier der Fahnder gerückt ist. Die Börsenaufsicht SEC hat bereits Klagen gegen zwei frühere Manager erhoben. Während Finanzchef Fred Anderson in eine Strafzahlung von 3,5 Mill. Dollar einwilligte, droht Ex-Justiziarin Nancy Heinen der Prozess: Ihr wird vorgeworfen, die Rückdatierung von Optionen veranlasst zu haben. Der Konzern hat bereits eingeräumt, dass auch Firmenchef Steve Jobs einige der Optionen empfohlen habe. Eine SEC-Klage gegen Jobs gibt es bisher nicht.

Ein weiterer spektakulärer Fall ist der des IT-Stars Jacob „Kobi“ Alexander, Gründer von Comverse Technologies und einst einer der zehn bestbezahlten Manager New Yorks. Jetzt lebt der einstige Vorzeigeunternehmer in Namibia – geflüchtet vor den US-Behörden, die ihm vorwerfen, Aktienoptionen systematisch zurückdatiert und Millionenbeträge nach Israel transferiert zu haben. In einer Klage des Bezirksgerichts Brooklyn verlangt die Staatsanwaltschaft die Rückgabe von 138 Mill. Dollar.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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