Valley Voice
Das große Zittern im Silicon Valley

Stitch Fix schickt ausgewählte Kleidung an Kunden, die ungern shoppen. Nun hat das Unternehmen aus San Francisco den Sprung an die Börse gewagt. Doch wenn das Start-up scheitert, stehen weitere auf Messers Schneide.
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San FranciscoZum Börsenstart betrug der Wert einer Aktie des E-Commerce-Unternehmens Stitch Fix 15 Dollar. Dann stieg die Aktie kurz um 13 Prozent an, um dann mit 15,15 Dollar nur knapp über Ausgabekurs zu schließen. Am Montag dann der Rutsch auf 14,85 Dollar – und damit in den roten Bereich. Böse Erinnerungen werden wach: Kurz zuvor war der Abonnement-Kochbox-Versender Blue Apron zu zehn Dollar pro Aktie an den Markt gekommen. Am Montag lag das Papier erstmals unter drei Dollar. Minus 70 Prozent in wenigen Wochen.

Stitch Fix ist wie Blue Apron eines der unzähligen Start-ups aus dem Bereich Lifestyle-orientierter e-Commerce im Abonnement. Ein Kunde füllt ein ausführliches Profil aus und bekommt dann in Abständen ein Paket mit fünf Kleidungsstücken oder Accessoires zugesendet. Die Auswahl übernimmt eine künstliche Intelligenz mit einem menschlichen Modeexperten als finale Prüfinstanz. Innerhalb von drei Tagen wählt der Kunde aus, was er behalten will. Der Rest geht zurück. Wer alles nimmt, bekommt 25 Prozent Rabatt.

Doch mit dem Geschäftsmodell hören die Gemeinsamkeiten zu Blue Apron schon auf. Stich Fix hat seit Gründung in 2011 lediglich 42 Millionen Dollar Risikokapital aufgenommen (Blue Apron 200 Millionen) und es damit zu einer Bewertung von über eine Milliarde Dollar gebracht. Und dazu kommt eine absolute Besonderheit: 2015 und 2016 wurden echte Nettogewinne eingefahren. Und für 2017 wird ein Verlust von einer Million Dollar bei einem Umsatz von 977 Millionen erwartet. Blue Apron dagegen fährt hohe Verluste ein und hat bereits ein Wachstumsproblem.

Eigentlich ist das von Katrina Lake in San Francisco gegründete Unternehmen damit also ein Urgestein an Solidität im kalifornischen Tal der Start-ups, wo beim Börsengang der Verlust schon mal höher als der Umsatz sein darf. Trotzdem wurde im Vorfeld des Börsengangs der Emissionspreis von geplanten 18 bis 20 Dollar auf 15 gesenkt, die Anzahl der ausgegebenen Aktien von zehn auf acht Millionen reduziert. Die Gründerin verzichtete zudem auf den Verkauf von einer Million Aktien aus ihrem Besitz. Statt wie erhofft 190 Millionen hat das Unternehmen am Ende nur 120 Millionen eingenommen.

Manifestiert sich hier ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber einem digitalen Geschäftsmodell? „Das war ein trüber Tag in der Unicon-IPO-Welt“, twittert Barrett Daniles von der IPO-Beratung Nextstep. Die Pipeline ist voll von Unternehmen, die reinen digitalen Handel mit Abonnements verbinden, sei es Rasierklingen, Koch-Boxen, Schmuck, Kosmetik oder Kleidung. Warby Parker oder Rent-The-Runway gelten als die nächsten Kandidaten mit Börsenplänen. Doch während der Wandel des Einzelhandels vom Offline- zum Onlinehandel unstrittig ist, scheint es so, als ob die Wall Street den Enthusiasmus des Silicon Valley für dieses Modell nicht teilen mag.

Erinnerungen an Juicero werden wieder wach. Das mit 120 Millionen Dollar finanzierte Start-up war angetreten den Markt für Obst- und Gemüsesäfte zu revolutionieren. Ein 400 Dollar teurer Entsafter quetschte ausschließlich teure und im Abonnement vertriebene Safttüten aus. Das ging so lange gut, bis Anfang 2017 zwei Testern auffiel, dass man die Tüten auch mit der Hand auspressen konnte und sogar noch mehr Saft erhielt. Juicero hat schlicht zugemacht.

Wenn jetzt noch herauskommt, dass man auch mit der besten Freundin zum Shopping gehen und Nahrungsmittel in kleinen Mengen im Laden kaufen kann, wird es eng im Silicon Valley.

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Immer dienstags schreiben Britta Weddeling und Axel Postinett, Korrespondenten des Handelsblatts im Silicon Valley, über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
Handelsblatt / Korrespondent

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