Valley Voice
Das Netz braucht neue Empathie-Mittel

Nach den Anschlägen von Paris tauchen die Menschen ihr Facebook-Profil in die Farben der französischen Flagge. Die digitale Gesellschaft braucht aber bessere Werkzeuge, um ihr Mitgefühl auszudrücken.
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Ich bin eine Zeitreisende. Morgens, wenn es draußen noch dunkel ist und die weiß schimmernden Busse mit den Google-Mitarbeitern an Bord unterwegs nach Mountain View vor meiner Wohnung um die Ecke biegen, telefoniere ich mit den Kollegen in Deutschland. Bei ihnen ist es dann bereits 14 Uhr. Manchmal fragen sie mich nach dem Wetter und dem Leben als solchem. Ich liebe Smalltalk. Nur morgens um 5 Uhr ist das hart.

Zeitreisen können seltsam sein. Als die ersten Tweets über Paris am Freitag auf dem Bildschirm meines Telefons erschienen, war ich gerade zwischen zwei Terminen auf einer belebten Straße San Franciscos unterwegs. Die Menschen, denen ich begegnete, wussten noch nichts von der Katastrophe. Ich traf ein knutschendes Paar, kichernde Teenager und den Jazz-Typen mit der verstimmten g-Saite vor dem Kaufhaus.

Da stand ich, mitten in der zuckrigen Shopping-Welt, und auf dem Bildschirm meines Telefons explodierte Europa. All die Fotos und Echtzeit-Videos, retweetet und geteilt in den soziale Medien, all diese validen und nicht-validen digitalen Informationen fluteten meine Timeline.

Schon kurz nach den Terror-Attacken war ganz Facebook komplett in die Farben der französischen Flagge getaucht, nachdem das Netzwerk ein Feature veröffentlicht hatte, mit dem Nutzer ihr Profilfoto blau-weiß-rot einfärben konnten. Und Tausende verbreiten den stilisierten Eiffelturm in Form eines schwarzen Peace-Zeichens weiter. All dies waren große Gesten, aber gleichzeitig fühlten sie sich zu einfach an.

„Digitale Informations-Überflutung erzeugt kein Mitgefühl“, erklärte mir Gregor Hochmuth, ein Daten-Experte aus New York, der bei Google und Instagram arbeitete, als ich ihn ein paar Tage später anrief. „Stattdessen erzeugt sie nur Gier nach noch mehr Informationen und Voyeurismus.“ Er weiß, wovon er spricht, er stieß während eines Internetprojekts selbst auf diesen Mechanismus.

Für „Network Effect“ werteten Hochmuth und der Künstler Jonathan Harris über 10.000 Video-Clips aus, nach 100 verschiedenen menschlichen Tätigkeiten wie „Essen“, „Schwimmen“ oder „Küssen“ und verknüpften sie mit Suchanfragen an Google News und Twitter. „Wir wollten eine emphatische Bibliothek für all jene Dinge bauen, die Menschen im Internet tun. Aber das Resultat fühlte sich nie warm oder menschlich an.“

„Network Effect“ ist eine gigantische Infografik, durch deren verschiedene Schichten sich der Nutzer klickt wie durch ein schizophrenes Gehirn. Greg versuchte, menschliches Leben online zu duplizieren und positive Gefühle zu erzeugen und erschuf genau das Gegenteil. Er entdeckt derzeit einen ähnlichen Effekt.

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„Wenn die Menschen die Hintergrundfarbe ihres Facebook-Profils verändern oder einen Hashtag weiter verbreiten, dann fühlt sich das automatisch, distanziert und kalt an, die Maschine dahinter wird spürbar."
Er hat Recht. Wir, die Reisenden von hier nach dort, online und offline, in die Zukunft und zurück, müssen neue Werkzeuge finden, um unsere Gefühle digital auszudrücken. Im Zeitalter der Omnipräsenz der Maschinen muss die digitale Gesellschaft nach einer neuen Empathie suchen. Mehr als je zuvor.

There is also an English version of this column.

Immer dienstags schreibt Britta Weddeling, Korrespondentin für die Themen Internet und Netzwirtschaft des Handelsblatts im Silicon Valley, über die neusten Trends und kleinen Kuriositäten im Tal der Nerds.

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