Valley Voice
Der Berlin State of Mind

Microsoft kauft das Berliner Start-up 6Wunderkinder. Aber weiß Microsoft wirklich, was das heißt? Hier sind ein paar Dinge, die Silicon Valley über die Berliner lernen muss.
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Haben Sie jemals versucht, den Slogan „Arm, aber sexy“ jemandem zu erklären, der außerhalb von Prenzlauer Berg oder Mitte lebt? Genau, schon wenige Kilometer hinter der deutschen Hauptstadt kapiert kein Mensch mehr, was der ehemalige Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, damit sagen wollte. Warum gleich ist es attraktiv, kein Geld zu haben? Und jetzt vermitteln Sie das mal einem Berufsanfänger in Silicon Valley mit einem durchschnittlichen Jahresgehalt von 100.000 Dollar.

Seitdem meine neuen Freunde in San Francisco wissen, dass ich mal in Berlin gewohnt habe, fragen sie mich oft über die dortige Start-up-Szene aus. Meistens erzähle ich dann von den üblichen Verdächtigen, wie der Musik-Community Soundcloud, der Wissenschaftsplattform Researchgate und Rocket Internet, dem Samwer-Inkubator. Nun müssen wir offenbar einen weiteren Namen zu der Liste hinzufügen.

Microsoft hat laut Medienberichten 6Wunderkinder gekauft, die Berliner Start-up-Firma hinter der To-Do-App „Wunderlist“. Der Preis soll zwischen 100 und 200 Millionen Dollar liegen. Ein kleiner Schritt für die alternde Software-Firma aus Redmond, die gerade dabei ist, ihre App-Sammlung aufzurüsten und sich zuvor Acompli aus San Francisco einverleibt hatte.

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Ein großer und wichtiger Schritt hingegen für 6Wunderkinder und Berlin, versucht die deutsche Hauptstadt doch zur internationalen Tech-Szene aufzuschließen. Wenn Microsoft die junge Firma nicht erdrückt, kann das die ganze Szene nach vorn katapultieren.

Aber warum gibt es eigentlich nicht mehr deutsche Start-ups? Das fragte mich ein Freund, der letztens bei uns in Soma zu Besuch war, über glutenfreier Pasta. „Es ist eben ziemlich schwierig für deutsche Unternehmer, Geld einzusammeln“, sagte ich. „Deutsche Investoren sind weniger risikobereit, und Berlin hat eben nicht Stanford um die Ecke so wie das Valley.“

Mein Freund spießte eine Olive auf. Dann erzählte er, wie er letztens Berlin und ein Café in Berlin-Mitte besuchte, wahnsinnig erstaunt, wie voll es dort war. „Ja“, sagte ich nickend. „Berlin ist eben auch bekannt für die tollen Cafés.“ Mein Freund schaute mich an, als wäre ich nicht ganz bei Trost. „Ja, Britta, aber das war zu ganz normalen Bürozeiten. Wie wollen die Berliner denn die nächste Millionen-Dollar-Firma gründen, wenn sie nicht arbeiten?“

Ich wurde wütend. Natürlich könnten das die Berliner, man hätte dort eben einen anderen Stil, das sei der Berliner State of Mind. Dann fiel mir ein, dass man in den meisten Kaffeebars in Mitte auch bis sechs Uhr abends frühstücken kann. Jeden Tag.

There is also an English version of this column.

Immer Dienstags schreibt Britta Weddeling, Korrespondentin für die Themen Internet und Netzwirtschaft des Handelsblatts im Silicon Valley, über die neusten Trends und kleinen Kuriositäten im Tal der Nerds.

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