Valley Voice
Des Kaisers neues Start-up ist trockengelaufen

Das abrupte Ende einer überteuerten Saftpresse lässt die Geldgeber des Projekts aussehen wie Deppen. Und lehrt Anleger, das Potenzial mancher Start-ups nicht zu überschätzen.
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San FranciscoEs war der Start eines langes Labor-Day-Wochenendes. Niemand war Freitagabend mehr bereit, sich die Urlaubslaune verderben zu lassen, nur um über das Ableben eines unbedeutenden Start-ups zu berichten. Und so wurde am 1. September die Webseite von Juicero zum Grabstein. Mit sofortiger Wirkung wurde der Verkauf der zunächst 700, dann 400 Dollar teuren Saftpresse eingestellt. Die Abo-Kunden der dazu passenden Saftbeutel bekamen am 7. September die letzte Lieferung.

Nach nur knapp 16 Monaten endete die blamable Irrfahrt des wohl am meisten ausgelachten Unternehmens des Silicon Valleys. Geldgeber wie Kleiner Perkins oder Google stehen da wie die Deppen, die 120 Millionen Dollar in ein Projekt stecken, egal wie sinnlos es erscheint. Hauptsache, es kommt von coolen Männern, die für andere coole Männer ein Problem lösen, das nicht existiert.

Für die, die Juicero nicht regelmäßig verfolgt haben - und das Leben ist auch zu kurz, um das zu machen - eine schnelle Zusammenfassung. Juicero hat das Saftpressen „revolutioniert“. Eine mit dem Internet verbundene Maschine aus weltraumtauglichem Stahl für Hunderte Dollar presst einen Beutel mit ökologisch korrekten Obst- und Gemüsestückchen zusammen und füllt ein Glas mit dem Saft.

Damit Risikokapitalgeber große Summen investieren, reicht das aber noch nicht aus: Juicero wurde kurzerhand zur „Plattform“ erklärt. Der Käufer des Yuppie-Entsafters muss die Saftbeutel im Abo exklusiv vom Hersteller beziehen. Das klingt so gut wie die Idee mit den Rasierklingen, die Gillette zum Milliardenunternehmen gemacht hat. Die fünf bis sieben Dollar teuren Beutel sind markiert und haben ein Verfallsdatum. Ist es um eine Sekunde überschritten, wird die Auspressung verweigert.

Was Mütter und Großmütter seit Generationen per Hand gemacht haben, ein Glas Saft auspressen, wird auf einmal „disruptiv“, weil es ein Mann macht. Der Gründer, "Gemüse-Evangelist" Doug Evens, hatte schon zuvor eine Kette von Saft-Bars gegründet und verkauft. Jetzt wollte er die nächste Stufe erklimmen und irgendwann die Börse ausquetschen. Statt einer 50-Cent-Saftpresse braucht man halt eine für 400 Dollar, statt Öko-Obst vom Farmers-Market oder aus dem eigenen Garten - Zwangsbelieferung mit urheberrechtsgeschützten Geschmacksmischungen und eine „Vision“.

Nun könnte man sagen, jeder ist seines Glückes Saftpresse, und wer das bezahlen will, der soll es halt machen. Doch das Unheil brach mit einem Simpeltest zweier Bloomberg-Journalisten über den Saftladen herein. Sie zeigten, wie beherztes Drücken des Beutels mit beiden Händen das Produkt ins Glas liefert - und das auch noch schneller als mit dem lärmenden Küchenungetüm. Und die Handpresse funktioniert sogar jenseits jeden Verfallsdatums der Beutel.
Das hat was mit des Kaisers neuen Kleidern zu tun und mit dem Selbstverständnis des Valleys. Junge Männer bestätigen sich immer wieder gegenseitig, wie sie die Welt revolutionieren, und Kapitalgeber päppeln die Unternehmen auf, bis sie reif für den Börsengang sind. Wobei "reif" eben Definitionssache ist.

Beispiele: Essenslieferant Blue Apron sackte direkt nach dem Börsengang um 50 Prozent ab, liegt derzeit 40 Prozent unter Ausgabekurs. Das selbsternannte Kameraunternehmen ohne Kamera, Snap, flackerte nur kurz auf am Aktienmarkt, Twitter kommt einfach nicht voran und liegt auch unter Ausgabekurs - und als nächstes hat sich der Streaming-Dienstleister Roku angekündigt.

Sie alle haben eines gemein: Sie schreiben Verluste und machen den Anlegern klar, dass sie vielleicht niemals einen Gewinn erzielen werden. Sie verschenken derzeit den Dollar für 50 Cents, und die daraus resultierenden Wachstumstories sollen ein ungeheures Potenzial suggerieren. Die Börse muss nur jetzt die Anfangsinvestoren für ein paar Milliarden Dollar auslösen und reich machen - und dann viel Geduld zeigen. Oder den Juicero-Effekt spüren.

So geht das Silicon Valley wieder zur Tagesordnung über, und Doug Evens macht das, was alle Gründer im Valley machen, wenn sie nach der nächsten Revolution suchen. Sie gehen in die Wüste. Als Juicero die Tore schloss, tweetete Evens vom „Burning Man“-Festival, einem gewaltigen Kunst- und Kultur-Spektakel mitten in der Wüste Nevadas - oder wie es ein Bekannter spöttisch zusammenfasst: „Nur ein anderer Vorwand, um nackt und betrunken zu sein.“ Wer weiß. Vielleicht kann man da ja noch irgendwie ein Start-up draus machen.

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Immer dienstags schreiben Britta Weddeling und Axel Postinett, Korrespondenten des Handelsblatts im Silicon Valley, über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
Handelsblatt / Korrespondent

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  • "... egal wie sinnlos es erscheint. Hauptsache, es kommt von coolen Männern, die für andere coole Männer ein Problem lösen, das nicht existiert."
    Ein herrlicher Satz, und so treffend.

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