Valley Voice: Die unerträglichen Grenzen des Journalismus

Valley Voice
Die unerträglichen Grenzen des Journalismus

Die Debatte um Elizabeth Holmes und ihre Blutanlaysefirma Theranos tobt weiter. Doch der Aufstieg und Fall der ehemaligen Hoffnungsträgerin des Silicon Valley wirft auch ein schlechtes Licht auf die Medienbranche.
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„Scheitere schnell, scheitere besser“ – sich Fehler, Irrtümer und Niederlagen herbeizuwünschen, ist zum Mantra von Silicon Valley geworden. Natürlich wollen Investoren nicht wirklich, dass die Gründer erfolglos bleiben. Gewinnen ist schließlich viel besser.

Die leicht schizophrene Haltung erklärt, warum der Niedergang von Theranos nach wie vor schockiert. Elizabeth Holmes und ihr Bluttest-Startup stehen heftig in der Kritik, nachdem ein Artikel im „Wall Street Journal“ begründete Zweifel an der Qualität des Verfahrens aufgeworfen hatte. Die zuständige Regierungsbehörde bekrittelt zudem die Sicherheit des Labors.

Nun veröffentlichte die unter Druck geratene Firma der 32-Jährigen eine Stellenausschreibung für einen Autoren und Schreiber, der „konzeptionell Probleme mithilfe ausgezeichneten Storytellings“ lösen könne. Die Anzeige sorgte schnell für hämische Kommentare, darunter die insbesondere von Journalisten geäußerte Vermutung, Theranos wolle seine Probleme schönschreiben. Das mag sein.

Doch beansprucht hier die gleiche Branche moralische Überlegenheit, die die Theranos-Story lange Zeit unterstützte und verbreitete. Journalisten hoben Elizabeth Holmes auf die Titelseite von „Forbes“ und „Fortune“. „Time“ setzte sie auf die Liste der „100 einflussreichsten Menschen“ 2015.

Starinvestor Tim Draper und Oracle-Gründer Larry Ellison investierten Millionen in Theranos, das die Kosten für medizinische Diagnosen dramatisch senken wollte und angeblich nur einen einzigen Tropfen Blut für diverse Analyseverfahren benötigte. Holmes beharrte stets darauf, dass ihr Produkt geheim sei.

Niemand war offenbar dazu in der Lage, nachzuprüfen, ob das Ganze überhaupt funktionierte. Aber anstatt das zuzugeben und Zweifel zu artikulieren, idealisierten einige Medien Holmes. Das Magazin „Inc.“ nannte sie „die neue Steve Jobs“, „Wired“ schwärmte von ihrem „überwältigenden“ Werk.

Das berührt ein Thema, über das die Branche nicht so gern spricht. Wie lassen sich die Informationen über die komplexen, innovativen Erfindungen aus dem Silicon Valley belastbar gegenchecken, sei es in Bio-Technologie, Robotik oder Künstlicher Intelligenz? Geht das überhaupt?

Die Debatte um Elizabeth Holmes zeigt die unerträglichen Grenzen des Journalismus. Journalisten sind keine Biochemiker, keine hauptamtlichen Programmierer, das ist ein Nachteil. Aber sie sind der Zweifel, die Skepsis und manchmal auch der Widerstand. Handeln wir danach.

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Immer dienstags schreibt Britta Weddeling, Korrespondentin für die Themen Internet und Netzwirtschaft des Handelsblatts im Silicon Valley, über die neusten Trends und kleinen Kuriositäten im Tal der Nerds.

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