Valley Voice
Friede den Maschinen

Roboter werden Teil unseres Lebens sein. Sehr bald werden sie unsere Autos fahren, uns bei der Arbeit helfen und sich um uns kümmern, wenn wir krank sind – sobald wir endlich aufhören, sie zu bekämpfen.
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„Lass nicht die Maschinen gewinnen, nimm die Treppe“ – Jüngst entdeckte ich diesen Hinweis in der Nähe eines Aufzugs. Das war mal wieder typisch. Die Kalifornier sind Gesundheitsfreaks; wann immer es geht, treiben sie Sport. Ich verstehe nicht, warum es überhaupt Aufzüge in Silicon Valley gibt. Es reicht doch, einfach ein Büro im 22. Stock anzumieten, das spart sogar die Gebühr fürs Fitnessstudio.

Egal. Während ich in die Kabine ging und sich die Aufzugtüren langsam schlossen, dachte ich ein bisschen ausführlicher über die Sache nach. Der Gesundheitstipp drückte schließlich auch eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Maschinen aus. Was passiert, wenn wir alle plötzlich mit einem Roboter zu tun haben werden, in unserem selbstfahrenden Auto, oder wenn Roboter unsere Kollegen werden? Elon Musk, Gründer von Tesla und SpaceX, oder Bill Gates von Microsoft fürchten, dass die Erforschung der künstlichen Intelligenz ganz schön daneben geht und die Roboter die Welt übernehmen.

Ich bin sicher, dass Musk und Gates jede Menge über Computer, Autos und Raketen wissen – aber alles wissen sie auch nicht. Außerdem hilft es doch überhaupt nicht, hysterisch zu werden und einen Krieg gegen die Maschinen anzufangen.

Als wenn die Roboter künftig das Kommando übernehmen, wie in dem britischen Film „Ex Machina“. Das Drama um den jungen (männlichen) Programmierer, der den Psycho-Kampf gegen einen jungen (weiblichen) Roboter verliert, zeigt doch vor allem die Angst des (männlichen) Regisseurs vor Frauen. Alles andere ist Science-Fiction.

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Wissenschaftler, die seit Jahrzehnten die Struktur des menschlichen Gehirns und die Natur der Intelligenz erforschen, sagen schließlich, dass wir eigentlich überhaupt nichts wissen. Zum Beispiel Robert Desimone, Direktor des McGovern Institute for Brain Research und Professor für Neurowissenschaften am Massachusetts Institute of Technology (MIT). „Wir fangen gerade erst an, zu verstehen wie Neuronen und Gehirnschaltkreise funktionieren.“

Und selbst wenn die Wissenschaftler dann irgendwann herausgefunden haben, wie Intelligenz funktioniert, wird es noch eine ganze Weile dauern, das auch den Robotern beizubringen. Das gilt sogar für die besten Roboter-Spezialisten. Kürzlich besuchte ich Sangbae Kim, Chef des Biomimetischen Robotik-Labors am MIT. Seine „Cheetah” ist einer der schnellsten Laufroboter der Welt und der erste überhaupt, der über Hindernisse springen kann.

Als ich ihn fragte, wann die Maschinen die Menschheit versklaven, grinste er über das ganze Gesicht. „Manchmal macht es mich regelrecht wahnsinnig, wenn ich sehe, wie lange wir brauchen, um mit dem mitzuhalten, was die Natur bereits kann. Verglichen mit einem Gepard in freier Wildbahn ist meine Cheetah ein tapsiges Baby.“

Als ich aus der Kabine stieg fühlte ich mich erleichtert. Wir sollten angesichts der Debatte über künstliche Intelligenz alle mal tief Luft holen, anfangen zu denken – und den verdammten Aufzug nehmen.

There is also an English version of this column.

Immer Dienstags schreibt Britta Weddeling, Korrespondentin für die Themen Internet und Netzwirtschaft des Handelsblatts im Silicon Valley, über die neusten Trends und kleinen Kuriositäten im Tal der Nerds.

Kommentare zu " Valley Voice: Friede den Maschinen"

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  • Der Artikel ist eigentlich nicht schlecht, dennoch sollten ein paar wichtige Punkte klargestellt werden. Zum einen ist es so, dass wir durchaus etwas über das menschliche Gehirn verstehen. Zahlreiche einschlägige wissenschaftliche Paper zum Thema sprechen Bände. Zum anderen verhält es sich so, dass Intelligenz nicht unbedingt mit einem biologischen neuronalen Netzwerk ("Gehirn") gleichzusetzen ist. Moderne Algorithmen lösen bestimmte kognitive Aufgaben vergleichbar gut oder sogar besser als der Mensch. Man denke beispielsweise an das Paradebeispiel Schachcomputer. Nur weil wir unserer Gehirn nicht verstehen, bedeutet das noch lange nicht, dass wir nichts über intelligente, lernende, anpassungsfähige Algorithmen wissen. Hier handelt es sich um zwei verschiedene Welten; man sollte nicht den Fehler begehen und Unwissen über den menschlichen Geist mit technischer Unwissenheit gleichsetzen.

    Außerdem darf man sich nicht der Illusion hingeben, eine Gefahr ginge nur von menschenähnlicher Intelligenz aus. Um "die Menschheit zu versklaven oder auszulöschen" ist kein böser Maschinenwille notwendig. Es reicht unter Umständen ein außer Kontrolle geratenes militärisches autonomes System, dass selbständig Tötungsentscheidungen trifft. So etwas ist zum Beispiel der Fall, wenn zukünftige Flugdrohnen aufgrund eines technischen Fehlers unkontrolliert auf Menschenjagd gehen. Echte menschliche Intelligenz ist hierfür nicht erforderlich: Einmal losgelassen, machen sie das, wofür sie gebaut wurden.

    Hier knüpft die Kritik wiederum an der Aussage an, wir wären von den Lebewesen in der Natur noch sehr weit entfernt. Sicher ist dies so, allerdings ist ein autonomer Kampfpanzer, der in einer automatischen Servicestation gewartet werden würde, erheblich gefährlicher als alles das, was die Natur an Raubtieren bis jetzt hervorgebracht hat. Solche Systeme sind keine echte Science Fiction. diese Systeme wären der allgemeinen Intelligenz des Menschen unterlegen. nicht aber im Gefecht.

  • Also ich finde den Beitrag keineswegs beruhigend. Hier schreibt eine coole, aber bewegungsarme Frau über die Ängste vor der Industrie 4.0, die in Form eines kleinen Seitenhiebes vor allem der männlichen Bevolkerungsgruppe zugeschrieben werden. Nicht sehr originell! Vielleicht befassen sich einfach mehr Männer mit Computertechnik als Frauen, sei es beruflich oder als Interessensgebiet.
    Was konkret haben Sie einem Durchschnitts-Arbeiter als Lösung anzubieten, wenn er um seine niedrig- bis mittelqualifizierte Arbeit bangt? Einige meinen recht sarkastisch, der Arbeitskollege (weibliche eingeschlossen) könne dann die Roboter putzen oder ihnen etwas vorsingen. Weit gefehlt, denn dafür wird es auch kostengünstige intelligente Maschinen geben.
    Schreiben sie lieber etwas zum Thema Bedingiungsloses Grundeinkommen und 20-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich, das könnte beruhigen.
    Freundliche Grüße.

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