Valley Voice
Ich will nicht teilen!

Zimmer, Auto, Lover: Dank der „Sharing Economy“ wird heute alles geteilt, Airbnb, Uber und Tinder machen es möglich. Dabei spricht so vieles gegen dieses Prinzip – zum Beispiel Fototapeten und ein Pilz im Kaffeefilter.
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Durch einen dummen Zufall lebe ich in dem Haus, in dem Airbnb gegründet wurde. CEO Brian Chesky und Joe Gebbia wohnen über mir. Obwohl ihr Online-Marktplatz inzwischen eine Milliarden-Firma ist, habe meine Nachbarn entschieden, in ihrer alten WG zu bleiben, in 19 Rausch Street, San Francisco. Manchmal höre ich sie reden. Manchmal lärmen sie. Aber ich sage nie etwas. Vielleicht schreibe ich einmal eine Kolumne über das Ganze.

Einmal habe ich aus Versehen Brian Chesky’s Uber genommen. Der Wagen stand bei uns vor der Haustür und ich bin eingestiegen. Der Fahrer drehte sich um und wunderte sich. Ich sehe nicht aus wie Brian. Noch weniger wie seine Size-Zero-Freundin. In diesem Moment erkannte ich, dass der Wohnungs-Vermittler mit den Autos des Fahr-Vermittlers herumfährt.

Das macht Sinn. In Silicon Valley sprechen momentan alle über das „Teilen“. Man teilt seine Geschichte mit einem Reporter, sein Zimmer (Airbnb), sein Auto (Uber, Lyft) und seinen Lover (Tinder). Journalisten haben darin einen Trend entdeckt, den sie „Sharing Economy“ nennen. Sie haben auf Airbnb oder Uber große Hoffnungen gesetzt, so als würden die Firmen die Welt von Rohstoffmangel, Klimawandel oder Herpes heilen.

Ich hingegen glaube nicht an das Prinzip „Sharing“. Das hat zwei Gründe. Erstens sieht Travis Kalanick für mich immer nicht aus wie ein Mann, der an einer besseren Zukunft werkelt. Er hat zwar jüngst sein schreckliches Benehmen abgelegt, aber ein Gutmensch ist er dadurch nicht geworden. Eher im Gegenteil. Ubers peinliches Macho-Gedöns – schnelle Wagen, heiße Bräute – das ist total 90er. Zudem laden Firmen Uber einfach einen großen Teil des unternehmerischen Risikos den Nutzern auf. Natürlich können diese ihr Einkommen ein wenig vergrößern. Aber wirklich reich werden doch nur Uber und Co. Man sollte Geldverdienen nicht mit Weltrettung verwechseln.

Zweitens sind Hotels so wahnsinnig anonym. Ich liebe es. Ich muss nicht im Nippes anderer Leute wohnen, sowie bei meiner letzten Airbnb-Gastgeberin, einer pensionierten Lehrerin. Sie hatte die Wände im Gästezimmer mit den Fotos ihrer Klassen seit den 70er Jahren tapeziert. Nachts blickten hunderte Erstklässler auf mich hinab. Ein anderer Typ wollte seinen knappen Unterhosen „teilen“. Meine letzte Unterkunft wurde offensichtlich von einer Umweltaktivistin bewohnt. Jedenfalls wuchs in ihrer Kaffeemaschine ein seltener Pilz. Er hatte die Größe meiner rechten Hand.

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Irgendwann muss ich Brian Chesky und meinen Freunden bei Airbnb wohl gestehen, dass ich es mag, unterwegs in Hotels zu schlafen. Ich glaube nicht, dass ich dann ausziehen muss. Meine Mitbewohner würden nur sagen, was sie immer sagen: „Britta, you’re so fucking German!“ Vielleicht haben sie recht. Wenn deutsche Eltern ihren Kindern gegenüber vom „Teilen“ reden, dann geht es meist darum, dass sie bald einen Teil der Schokolade an Bruder oder Schwester los sind. Ältere Deutsche denken bei „Teilung“ an die DDR.

Für mich ist die Sache so: Ich möchte nicht in das Leben anderer Leute schlüpfen. Ich möchte nicht überall zu Hause sein. Ich will anonyme Schlafzimmer, abgepackte Seife und in Plastik geschweißte Zahnputzbecher. Wie Lady Gaga immer sagt: „We are plastic, but we still have fun!“

There is also an English version of this column.

Immer Dienstags schreibt Britta Weddeling, Korrespondentin für die Themen Internet und Netzwirtschaft des Handelsblatts im Silicon Valley, über die neusten Trends und kleinen Kuriositäten im Tal der Nerds.

Kommentare zu " Valley Voice: Ich will nicht teilen!"

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  • Herr Hofmann,
    "gemeiselt", ja? Ihre Meise darf öfter schweigen. Das möchten viel weniger Leute "teilen", als sie annehmen (um den Terminus "denken" wg. berechtigter Zweifel zu vrmeiden).

    Hello Britta
    you should not confuse Alzheimer or messiness with environmental activism.
    Buy the way: your spotlight to the Valley is amusing. Maybe in other ways than youintended, but what the f...

    Oh, these 4 letter words...
    why do I always here "forelater words"? By my German ears?

  • ... und ich hatte schon geglaubt, ich sei der Letzte, der nicht allzuviel von der Sharing Economy hält. Dieser Kommentar hat mir wieder Mut gemacht :-)

  • Da können wir nur froh sein, dass in der deutschen Grün-Sozialistischen Diktatur in Deutschland das "Teilen" noch nicht in Gesetz gemeiselt wurde. Bin da ganz auf ihrer Seite, Fr. WEddeling. Danke!

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