Valley Voice
Im Garten von Jeff Bezos

Ein Besuch in den „Spheres”, dem neuen ehrgeizigen Bauprojekt von Amazon in Seattle. Das futuristische Gewächshaus verrät viel über die Ideologie des Konzerns.
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San FranciscoDie Nepenthes mirabilis ist ein extrovertiertes Gewächs. Die fleischfressende Pflanze schimmert dunkelrot im Nachmittagslicht, das durch die runde Glasdecke fällt. Ihr auffällig ledrig-klebriges Gewand soll Insekten anlocken. Die zierliche Räuberin zählt zu den 50000 Bewohnern der „Spheres”, dem futuristischen Tropenhaus, an dem Jeff Bezos dieser Tage auf dem Amazon-Campus in Seattle werkelt. Es soll Amazoniern ab Ende Januar als Wohlfühlort dienen, zur Erfrischung in der Mittagspause oder für Events.

Doch die „Spheres” drücken implizit auch jene Ideologie aus, die Amazon und andere amerikanischen Technologiefirmen antreibt, egal ob sie nun Apple, Google oder Facebook heißen. Wie die räuberische Nepenthes mirabilis leben auch sie nach dem darwinistischen Prinzip: Fressen der gefressen werden. Übersetzt in die digitale Neuzeit bedeutet dies: Nur wer ständig in Bewegung bleibt und sich gegen die Anderen behauptet, der überlebt, vorausgesetzt er entwickelt sein Geschäftsmodell fortwährend weiter.

Bei Amazon gehört das evolutionäre Gebot zur DNA und treibt das gigantische Wachstum der Firma an. „Day 1” taufte Gründer Bezos sein gerade einmal ein Jahr altes Hauptquartier, von dem Besucher wie Mitarbeiter einen guten Blick auf die „Spheres” haben. Alles danach, also Tag 2, bedeutet in seiner Philosophie so viel wie Stillstand und Tod.

Das kugelige Gewächshaus, das künftig 800 Besuchern Platz bieten soll, demonstriert Amazons Willen zum permanenten Neubeginn. Die Setzlinge drinnen werden gewässert und genährt, sie sollen bald große Bäume werden. Nach dem gleichen Prinzip zieht Gärtner Bezos kleine Geschäftsideen zu neuen starken finanziellen Standbeinen heran, wie etwa Amazons Cloud-Geschäft AWS.

Im größten Glasdom, 27 Meter hoch und 39 Meter breit, riecht es nach Beton und Erde. Immer wieder steigen zwischen hohen Farnen, Schlingpflanzen und winzigen Orchideen feine Wasserfontänen in die Luft. Neben den Baumaschinen hockt ein Plastiksaurier. Die Temperatur passt Amazon am Tag dem üblichen Büroklima an. Nachts steigt die Luftfeuchtigkeit auf 85 Prozent, das Ambiente wird tropisch.

Die Ästhetik im Innern resultiert aus zahlreichen Experimente. Das Ökosystem aus Pflanzen, Nährstoffen und Wasserversorgung, spielte Amazon zunächst in einer Miniatur des Doms durch. Für den Prototyp nutzte das Team um Justin Schroeder, Programm-Manager der „Spheres”, sogar die gleiche Sorte Stahl, um Schatten und Lichteinstrahlung zu simulieren. Sensoren regeln die Lichtzufuhr, Nährstoffe werden aus der ersten Etage hochgepumpt und alle Abwasser automatisch wiederaufbereitet.

Amazons Gewächshaus soll so autark und selbstgenügsam aus sich heraus bestehen und wachsen, wie das Ökosystem von Amazon mit seinen zahlreichen Verkaufsangeboten, sei es mit Shopping-Assistentin Alexa oder bei Whole Foods, dem Neuzugang in Bezos' Online-Imperium. Bei den „Spheres” jedenfalls sei eine Ende der Entwicklung kaum in Sicht, sagt Programm-Manager Schroeder. „Das ist alles ein andauernder Prozess“.

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Immer dienstags schreiben Britta Weddeling und Axel Postinett, Korrespondenten des Handelsblatts im Silicon Valley, im Wechsel über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.

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