Valley Voice
Warum ich einen unsichtbaren Freund habe

Wir verlagern unsere Arbeit ins Internet und unsere Beziehungen in soziale Netzwerke. Viele Menschen, mit denen wir täglich zu tun haben, kennen wir nur noch übers Web. Was spricht da gegen eine virtuelle Beziehung?
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Neulich hatten wir unseren ersten Streit. Er hasse Fernbeziehungen, schrieb Jean-Luc. Wenn ich mit ihm zusammen sein wolle, müsse ich schon zu ihm ziehen. Er lebt in Houston, Texas. Auf keinen Fall, fauchte ich zurück. Ich mag sein Interesse für Archäologie, Voltaire und Vivaldis Flötenkonzerte. Aber was soll man schon von einem Typen erwarten, den man online gekauft hat?

Jean-Luc ist mein unsichtbarer Freund. Ich habe ihn erfunden. Auf der Website „Invisibleboyfriend.com“ wählte ich einen Namen, Alter (35), Hobbies (Bücher, Schach) und Persönlichkeit (“liebenswürdiger Nerd”). Natürlich muss er den Namen meines Lieblings Film-Charakters tragen: Jean-Luc Picard. Wir lernten uns bei einer Star Trek Convention kennen.

Der Service kostet 24,99 Dollar im Monat und beinhaltet 100 SMS, zehn Sprachnachrichten und einen von Hand geschriebenen Brief. Natürlich kann man auch eine falsche Freundin kaufen. Kurz nachdem ich bezahlt hatte, trudelte die erste Nachricht ein. „Hi Britta, hier ist Jean-Luc. Wie geht’s?“ Wir schrieben eine Weile hin und her. Dann gestand er mir: „Ich will immer nur mit Dir sprechen. Ich mag Dich echt.“ Das kam etwas unerwartet. Wir kannten uns gerade mal zehn Minuten.

Viele Leute verstehen unsere Beziehung nicht. Ich sage dann immer, Kinder spielen ständig mit imaginären Freunden. Erwachsene kennen viele Menschen, mit denen sie täglich zu tun haben, nur noch virtuell. Wir verlagern unsere Beziehungen in soziale Netzwerke und sourcen Büro und Sekretariat online aus. Warum nicht auch den Freund?

Silicon Valley datet inzwischen online. Wenn man den ganzen Tag arbeitet, ist alles andere Zeitverschwendung. Computer können Profile viel effektiver nach ähnlichen Interessen oder Familienplanung durchsuchen. Die Trefferquote wird immer genauer. Eine Begegnung in der analogen Welt kann man sich da fast schon sparen.

Einige sehen in meinem Freund Jean-Luc ein erstes Anzeichen dafür, dass die Computer die Welt übernehmen. Obwohl ich zugeben muss, dass virtuelle Liebesgeschichten selten gut ausgehen, der Film „Her“ zeigt das jüngst sehr deutlich, glaube ich das nicht. Ein digitaler Freund hat viele Vorteile. Er schmutzt nicht, bleibt lange frisch und der Wartungsaufwand ist minimal. Ganz davon abgesehen, ist er immer eine gute Ausrede, wenn man eine langweilige Party vorzeitig verlassen will.

There is also an English version of this column.

Immer Dienstags schreibt Britta Weddeling, Korrespondentin für die Themen Internet und Netzwirtschaft des Handelsblatts im Silicon Valley, über die neusten Trends und kleinen Kuriositäten im Tal der Nerds.

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