Valley Voice
Was das Silicon Valley wirklich über uns Deutsche denkt

Vom peinlichen „Sauerkraut“ bis zum innovativen Unternehmer: So fand ich heraus, was das Silicon Valley wirklich an uns Deutschen liebt und hasst. Die wunderbaren Vorurteile des berühmten Tals.
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Als Deutsche im Silicon Valley fühle ich mich meistens wie der Hase im bekannten Märchen. Wohin ich auch komme, war schon mal ein anderer Deutscher da. Wie beim Wettlauf zwischen Hase und Igel kann das manchmal ganz schön verwirrend sein.

Da ist zum Beispiel dieser Laden in San Francisco, „Lehr’s Specialties“, ein Supermarkt für deutsche Produkte. Schon kurz nach Betreten registrierte ich eine Atmosphäre tiefster Verzweiflung. Die etwa 60-jährige Verkäuferin trug rosa Lippenstift, sie sah müde und traurig aus. Als ich an den kleinen nahezu verlassenen Regalen entlangschritt, fand ich aber auch nicht ein Produkt, das ich zuhause einmal gekauft hatte. Brühwürstchen, Thüringer Sauerbraten mit Klößen, abgewetzte Lederhosen, Kölnisch Wasser – dachte man im Silicon Valley, die Deutschen lebten noch in den 60er Jahren oder die Mauer stände noch?

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Die zweite Sache: In der Minute, in der der Produkt-Manager einer beliebigen Tech-Firma herausfindet, dass ich für eine deutsche Zeitung schreibe, spricht er sofort ausschließlich darüber, wie wichtig Privatsphäre und Datenschutz seien. Es stimmt schon, dass einige Firmen aus dem Silicon Valley, zum Beispiel Google, das Thema lange unterschätzt haben. Aber nun glauben verrückterweise plötzlich alle, deutsche Journalisten interessierten sich ausschließlich für Datenschutz und Privatsphäre.

„Was wissen Sie denn über ihre Nutzer?“, fragte ich etwa jüngst den Produktmanager einer Firma, die gerade dabei war den Markt aufzumischen. Mich interessierte, ob die Kunden ihr eigenes Verhalten bereits verändert hatten. Der Mann antwortete: „Natürlich schützen wir die Privatsphäre unserer Kunden.“ Ich versuchte nochmal: „Aber welche Feststellungen können Sie denn aufgrund dieser Daten treffen?“ - „Und wir verkaufen die Daten auch nicht.“ - „Toll, aber was können Sie mir denn inhaltlich sagen?“ Aber der Manager blieb dabei: „Um das noch einmal klarzustellen: Wir verkaufen die Daten an absolut niemand.“

Es war verrückt, wir redeten aneinander vorbei. Ein Interview wie ein Ehestreit. Denkt das Silicon Valley, die Deutschen fühlten sich mehr oder weniger wie eine um ihre Daten betrogene Ehefrau? Eine Ehefrau mit Vorliebe für Thüringer Knödel?

Ich bat meine amerikanischen Freunde in der Sache um Rat und war erstaunt, wie positiv ihre Antworten ausfielen. Das Silicon Valley findet die Deutschen nämlich „methodisch, gutaussehend und gut gekleidet“. Wir seien „ehrgeizig, vielleicht ein bisschen selbstbezogen und nicht gerade idealistisch“. Deshalb verband man uns früher hauptsächlich mit den „Firmen aus der Kopiermaschine von Rocket Internet“. Heute sei das anders.

Insgesamt verfügten die Deutschen über „soliden Charakter“. Sie würden meistens sagen, was sie denken – auch wenn man nicht einer Meinung mit ihnen sei. Aber zumindest wüsste man wenigstens immer, woran man mit ihnen sei sei. Anders als von mir erwartet, finden die Silicon Valley-Unternehmer „es ist definitiv richtig, dass Deutschland für mehr Privatsphäre kämpft“. Ein anderer Freund meinte, er kenne kaum Deutsche, nur deutsche Hacker. Ich finde, es hätte schlimmer kommen können.

There is also an English version of this column.

Immer Dienstags schreibt Britta Weddeling, Korrespondentin für die Themen Internet und Netzwirtschaft des Handelsblatts im Silicon Valley, über die neusten Trends und kleinen Kuriositäten im Tal der Nerds.

Kommentare zu " Valley Voice: Was das Silicon Valley wirklich über uns Deutsche denkt"

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  • Mensch, das war jetzt aber ein echt wichtiger, spannender und lehrreicher Artikel.
    Ironiemodus OFF.....

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