Valley Voice
Was Kalifornier eigentlich meinen, wenn sie etwas sagen

Small Talk in Silicon Valley kann schwierig werden, weil die Leute dort nämlich meistens das Gegenteil von dem sagen, was sie eigentlich meinen. Hier ein paar Regeln, die man beachten sollte.
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Gespräche in Silicon Valley können anstrengend sein. Das erfuhr ich letztens, als ich mit einem kalifornischen Freund zu Abend aß. Genau in dem Moment, da ich fertig war mit meinem Hühnchen-Curry, kam der Kellner und nahm mir den Teller weg. Er konfiszierte auch mein Glas, obwohl es noch halbvoll war. Im ersten Moment war ich zu überrumpelt, um etwas zu sagen. Aber als der Mann für die Rechnung wiederkam, erklärte ich ihm meine Verwunderung. „Ich konnte meinen Chardonnay nicht zu Ende trinken, weil Sie ihn mir weggenommen haben.“ Mein Freund zuckte zusammen. Der Kellner guckte, als hätte ich ihn beleidigt. Einen Moment lang sagte keiner etwas. „Oh, ja, also …“, der Kellner errötete und flüchtete stotternd in die Küche. Ich war verwirrt.

Mein Freund guckte mich an, als wäre ich ein ungezogenes Kind. „Du kannst doch so mit den Leuten nicht reden.“ Ich verstand nicht, was er meinte. Ich hatte doch nur beschrieben, was passiert war. Im Gegenteil. Es war doch wohl unmöglich, mir mein Glas wegzunehmen, obwohl es noch halb voll oder leer war. Meinen Freund indes überzeugte ich damit überhaupt nicht. „Du mit Deinem deutschen Kopf magst das vielleicht denken. Aber ein Kalifornier hört nur aus diesem Satz nur heraus, dass Du sehr wütend bist.“ Wenn ich irgendwann einmal Freunde haben wollte in San Francisco, dann müsste ich mich einfach ein paar Regeln halten.

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Zum Beispiel, wie ich mich zu verhalten habe, wenn mir jemand den Weg abschneidet. Ein Kalifornier sage stets „Entschuldigung“, selbst wenn es zweifellos der Fehler des Anderem war. Werde man angerempelt, müsse man ebenfalls immer erklären, wie leid es einem tue. Und wenn der Kalifornier von seinem Nachbar zu einer Party eingeladen werde und er wolle definitiv und auf gar keinen Fall an der Feier teilnehmen, sage er trotzdem stets: „Super, klar, ich versuche es.“ Das kalifornische Verhalten schien mir irgendwie kompliziert zu sein. Warum sagen denn die Leute nicht einfach, was sie wirklich meinen? „Weil sie höflich sind“, antwortete mein Freund. „Okay“, sagte ich, ich würde drüber nachdenken.

Eine Woche später telefonierte ich mit meinem Freund. Es ging um eine Uhr, die ich schon seit einem halben Jahr von ihm geliehen hatte. Nach der ganzen Zeit gefiel sie mir so gut, dass ich sie eigentlich gar nicht wiedergeben wollte. Und weil mein Freund nicht unhöflich sein wollte, fragte er mich auch natürlich nicht direkt danach. „Meinst Du, ich sollte diese Uhr wiederbekommen?“, meinte er gestelzt. Ich wollte ihm zeigen, dass ich etwas über die kalifornischen Umgangsformen gelernt hatte. Also sagte ich nur: „Ich versuche es.“

There is also an English version of this column.

Immer Dienstags schreibt Britta Weddeling, Korrespondentin für die Themen Internet und Netzwirtschaft des Handelsblatts im Silicon Valley, über die neusten Trends und kleinen Kuriositäten im Tal der Nerds.

Kommentare zu " Valley Voice: Was Kalifornier eigentlich meinen, wenn sie etwas sagen"

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  • Ach so, und die Geschichte mit der Uhr. Natuerlich war es dem cFreund" unangenehm..... dachte sich zurecht wir Deutschen haben eine lueckenhaft Kinderstubenausbildung.....

  • ich habe 17 Jahre in Kalifornien gelebt, was hier beschrieben wird entspricht ganz und gar nicht der Wahrheit, ist das übliche die "Amis sind oberflächlich" Vorurteil.
    Die Leute sind in Kalifornien und den USA generell freundlicher und hilfsbereiter als wir Deutschen, ich schlage dem Autor vor sich etwas genauer mit kulturellen Unterschieden auseinanderzusetzen und direkte Antworten die kann der Autor auch nicht generell bevorzugen, möchte nicht wissen wie oft der Partner schon geschummelt hat, gelle ;-)

  • Was die Leute im Valley eigentlich meinen, wenn sie etwas sagen oder oder wie reagieren - das kann man sie fragen - da wird jedem Gast vmtl nach bestem Wissen und Gewissen auch geholfen.
    Was kulturelle Eigenheiten anbelangt, darüber sollte man sich vor Reiseantritt ggf informieren.
    Klingt besserwisserischer als es gemeint war...^^

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