Valley Voice
Wie San Francisco sich gegen Gentrifizierung wehrt

Zusammenziehen oder die Single-Wohnung behalten? Explodierende Mietpreise und Wohnraumknappheit stellen Paare in San Francisco vor ganz neue Herausforderungen. Nun wehrt sich die Stadt gegen die Gentrifizierung.
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Meine Freundin wohnt in einem niedlichen Haus im Stadtteil Mission, ihr Freund lebt in einem kleinen Apartment ein paar Blocks weiter. Sie kennen sich seit fast zwei Jahren und sind ein tolles Paar. Warum sonst würden sie sich zu Halloween als Bonnie und Clyde verkleiden?

Zusammenziehen ist eine Entscheidung fürs Leben. Der alte Bauer neben meinem Elternhaus pflegte stets die frisch geschlachteten, kopflosen Hühner mit den Füßen zuerst an der Wäscheleine im Garten aufzuhängen. Hin und wieder fiel ein Tropfen Blut in die Plastikwanne drunter. Als er starb, sagte die Witwe des Bauern, sie werde für ihr Leben nicht mehr mit einem Mann zusammenziehen.

Bonnie und Clyde können nicht zusammenziehen, obwohl sie sehr zärtlich zueinander sind. Sie können es sich schlicht nicht leisten, wenn die Beziehung daneben geht. Bonnies Wohnung hat eine komfortable Mietpreisbindung, und Clyde wohnt schon so lange dort, dass er kaum etwas zahlt. Das kommt in San Francisco inzwischen so gut wie nicht mehr vor. Die Mieten liegen durchschnittlich dreimal höher als im Rest der USA. Der Durchschnittspreis für ein Zwei-Zimmer-Apartment beträgt 4600 Dollar.

Der Mission District, eine ehemalige Arbeitergebend, seit dem 19. und 20. Jahrhundert bewohnt von irischen, deutschen und mexikanischen Einwanderern, hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch verändert. Das liegt vor allem am Zuzug der Tech-Elite, die lieber in der Stadt wohnt als im Vorort-Albtraum Palo Alto, und der zunehmenden Beliebtheit von Airbnb.

Die Gentrifizierung beschäftigt San Francisco schon seit einer ganzen Weile, aber nun verschärft sich der Protest dagegen. In der Mission hängen politische Plakate („Die Stadt steht nicht zum Verkauf!“) und Bilder des schrecklichen Gesichts der antiken Medusa an den Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs. Hunderte Menschen schließen sich den Protesten gegen Mietpreise und Hausräumungen an. Nun stimmen die Einwohner von San Francisco sogar über eine Initiative namens „Proposition F“ ab, die die Dauer kurzzeitiger Untervermietungen limitieren soll und sich hauptsächlich gegen Airbnb richtet.

Historische Rundgänge durch die Stadt erfreuen sich trauriger Beliebtheit. Es ist unmöglich, mit einem langjährigen Einwohner von San Francisco die Straße entlang zu spazieren, ohne zu hören, welches interessante Geschäft in dem Gebäude früher war, wo jetzt das Hipster-Café Mandelmilch-Kaffee verkauft oder der Makler eine Luxus-Eigentumswohnung für eine Million in bar verkaufte.

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Bonnie und Clyde haben nicht so viel Geld, obwohl sie Universitätsabschluss und gute Jobs besitzen. Sie müssen zwar noch keine Hausräumung fürchten, aber wissen, dass sie, sollten sie sich je dazu entscheiden, ihre Single-Wohnung aufzugeben, nie wieder einen ähnlich günstigen Platz zum Wohnen finden.

Vielleicht wagen sie es trotzdem. Vielleicht überfallen sie eine Bank. Vielleicht bleiben sie aber auch einfach dort, wo sie jetzt sind und bewegen sich überhaupt nicht. Das wäre dann indes ziemlich traurig für Silicon Valley und San Francisco, wo alle ständig so viel von Veränderung reden.

There is also an English version of this column.

Immer dienstags schreibt Britta Weddeling, Korrespondentin für die Themen Internet und Netzwirtschaft des Handelsblatts im Silicon Valley, über die neusten Trends und kleinen Kuriositäten im Tal der Nerds.

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