Veräußerung des Staatsanteils ist umstritten – Telekomkonzern gilt als attraktives Übernahmeziel
Schweiz prüft Verkauf der Swisscom

Die Schweizer Telekomindustrie steht vor einer weiteren Neuordnung. Nach dem Verkauf des Kabelnetzbetreibers Cablecom an die US-Gesellschaft Liberty könnte die Swisscom der nächste Kandidat aus der Branche sein, der in ausländische Hände übergeht. Denn in dem Land mehren sich die Forderungen nach einer weiteren Privatisierung des führenden nationalen Telekomkonzerns, der sich noch zu 66 Prozent in Staatsbesitz befindet.

HB ZÜRICH. Die Schweizer Regierung hat den zuständigen Minister, Bundesrat Moritz Leuenberger, aufgefordert, bis Jahresende ein „Aussprachepapier“ vorzulegen, in dem das Für und Wider eines Verkaufs abgewogen wird. Während Leuenberger zögert, verlangt Finanzminister Hans-Rudolf Merz eine klare Strategie. „Bei den riesigen Beträgen, um die es geht, kann man nicht einfach vor sich herdümpeln, weil es politisch heikel ist“, sagte Merz dem „Tagesanzeiger“. Der Staatsanteil der Swisscom hat einen Wert von umgerechnet 11,3 Mrd. Euro.

Die Entscheidung der Schweizer fällt in eine Phase, in der sich die europäischen Telekom-Unternehmen neu aufstellen. In Osteuropa stehen ehemals staatsmonopolistische Telekom-Unternehmen mit attraktiven Wachstumsaussichten zum Verkauf. Und auch in Westeuropa, derzeit etwa mit der TDC in Dänemark, gibt es Kaufkandidaten.

Die Swisscom wäre aus Sicht von Analysten für alle großen europäischen Telekomkonzerne interessant – auch für die Deutsche Telekom, die im Ausland wieder stärker expandiert und in der Schweiz noch nicht vertreten ist. Der Konzern hat im August den österreichischen Mobilfunker Telering für 1,3 Mrd. Euro übernommen. Die Swisscom gilt als attraktiv, die Halbjahresergebnisse unterstreichen dies: Der Mobilfunk- und Festnetzbetreiber machte bei einem Umsatz von 4,91 Mrd. Franken (3,17 Mrd. Euro) einen Nettogewinn von 1,1 Mrd. Franken, rund 47 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

In den kommenden Wochen wird der Anteil des Staates an der Swisscom voraussichtlich auf 72 Prozent weiter steigen. Denn die Swisscom kauft derzeit zur Kurspflege eigene Aktien zurück, wodurch das Kapital herabgesetzt wird. Die Swisscom selbst erlebt den hohen Staatsanteil immer wieder als Nachteil: Sie kam in Österreich im vergangenen Jahr mit dem Kauf der Telekom Austria nicht zum Zug, weil die Österreicher kein Staatsunternehmen als Käufer akzeptierten. „Die Staatsbeteiligung ist für die Swisscom Fluch und Segen. Ein Fluch, wenn es um Akquisitionen geht. Ein Segen, wenn man sich gegen Übernahmen wappnen will“, sagt Uwe Neumann, Telekom-Analyst bei Credit Suisse.

In der Schweizer Politik wurden bislang eher die Vorteile gesehen. Der hohe Staatsanteil dient nach Ansicht von Doris Leuthard, Parteipräsidentin der Christdemokraten, dazu, die Versorgungssicherheit mit Telekom-Diensten in der ganzen Schweiz zu garantieren. Sozialdemokraten weisen vor allem mit Blick auf den Cablecom-Verkauf darauf hin, dass nur der Staat als Mehrheitsaktionär verhindern kann, dass die Swisscom in ausländische Hände gerät.

Die Eidgenossen selbst hatten das ähnlich gesehen und stimmten vor fünf Jahren, als das Thema schon einmal zur Diskussion stand, in einer Volksabstimmung gegen den Verkauf. Inzwischen werden allerdings andere Stimmen laut. Sie kommen von rechter und liberaler Seite. „Es ist an der Zeit, die Voraussetzungen zur Veräußerung der Swisscom-Aktien zu schaffen“, sagt FDP-Parteipräsident Fulvio Pelli. Möglich wäre ein Verkauf von Anteilen, bei dem der Bund seine Mehrheit knapp behält.

Für die Swisscom und ihren Chef Jens Alder kommt die Diskussion nicht ungelegen. Während sich Alder neutral verhält, ist aus Unternehmenskreisen die Klage über die „konservative Aktionärsstruktur“ zu hören, die eine vielleicht nicht unumstrittene Expansion ins Ausland verhindere.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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