Verhärtete Fronten: Medienhäuser formieren sich gegen Apple

Verhärtete Fronten
Medienhäuser formieren sich gegen Apple

Die Verlage in Europa gehen gegen Apple auf die Barrikaden. Grund: Der US-Konzern will den Verkauf von iPad-Abos in Zukunft nur noch über seinen eigenen Onlineshop laufen lassen. Ein Einlenken des Computerherstellers ist trotz massiven Gegenwinds nicht in Sicht.
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SAN FRANCISCO/DÜSSELDORF. Der Computerhersteller aus dem kalifornischen Cupertino will künftig den Verkauf von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern für seinen Minicomputer iPad oder sein Handy iPhone ausschließlich über seinen Onlineshop iTunes durchsetzen. "Das kommt einem Diktat gleich. Das ist eine Wettbewerbsverzerrung", sagte ein Beteiligter, der mit Apple über einen Kompromiss verhandelt. Die Verlage wollen auch weiterhin ihre Inhalte auf Apps, den Miniprogrammen für iPad und iPhone, selbst vertreiben können. Dadurch können sie ihre Kundendaten in Eigenregie verwalten. Außerdem zahlen sie eine geringere Marge an Apple. Der Computerhersteller behält in seinem Onlineshop iTunes 30 Prozent an Provision für jeden Kauf einer Onlinezeitung oder-zeitschrift ein.

Der Gegenwind aus der Verlagswelt bläst Apple überall in Europa stramm ins Gesicht. Auf politische Rückendeckung können die Medienhäuser durchaus zählen. So hat die flämische Medien-Vizeministerin Ingrid Lieten bereits in Briefen an EU-Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia und Neelie Kroes, EU-Kommissarin für die Digitale Agenda, ihre tiefe Sorge über die jüngsten Entwicklungen ausgedrückt. "Apples neue Haltung droht eine Reihe von Hürden zu schaffen, die den Marktzugang von neuen Spielern verhindert kann", warnt die belgische Politikerin in ihren Briefen, die dem Handelsblatt vorliegen.

In Benelux, Großbritannien, Frankreich und Deutschland wächst der Widerstand gegen die neue Geschäftspolitik von Apple. In den Gesprächen mit Apple sind die Fronten verhärtet, berichten Beteiligte. Bereits im März wollen sich die Zeitschriftenverlage aus aller Welt in Berlin treffen, um Apple eine gemeinsame Position zu übermitteln. Doch ein Einlenken des Computerherstellers ist nicht in Sicht.

Während die Euphorie für das iPad weitere wächst, kehrt nun im Umgang mit Apple Ernüchterung ein. Apple will konsequent an allen Vertriebs- und Abo-Umsätzen mit Apps mit 30 Prozent beteiligt werden und diese über sein eigenes Bezahlungssystem abwickeln. Das war bisher nicht zwingend der Fall. Nach Angaben aus Verlagskreisen sollen schon bis Juni alle vorhandenen Angebote mit anderen Zahlungsmodellen umgestellt werden. Daneben rückt der drohende Verlust des Kunden an den Hersteller des Lesegeräts in den Fokus, wenn alle Käufe zentral nur noch über die iTunes-Konten der Nutzer abgewickelt werden dürfen. Dessen Daten liegen allein bei Apple. Denn wer die Onlineplattform beherrscht, bestimmt auch die Spielregeln, das bekommt eine ganze Branche gerade schmerzhaft zu spüren. Doch verzichten auf das lukrative Zukunftsgeschäft will keiner. Zu verlockend sind auch die Vorteile, die Apple bietet. Am kommenden Mittwoch will die Verlagsindustrie in Deutschland nun beraten, was noch zu retten ist, und hofft, dass mehr Wettbewerb Apple zu Zugeständnissen zwingen könnte.



Die Blaupause für Apples Umarmungsstrategie findet sich in der iPad-Zeitung "The Daily" des Medientycoons Rupert Murdoch. Sie liefert eine komplette Infrastruktur für den digitalen Zeitungsvertrieb, gestaltet von Apple. Ein Zeitungsabo ist da nur noch einen Knopfdruck entfernt und verlängert sich automatisch für einen gewählten Zeitraum. Eine Kündigung erfolgt ebenfalls über den Appstore. Abos sind in Zukunft günstiger als der Einzelbezug. Auf solche Änderungen hat die Medienindustrie lange gewartet. Willigt ein Kunde ein, leitet Apple offenbar bald auch Daten wie E-Mail-Adresse oder Postleitzahl an die Verlage weiter.

Verleger setzen auf Wettbewerb

Die vollständige Apple-Hoheit über die Daten der Kunden ist vielen Verlagen ein Dorn im Auge, sie vergrößert ihre Abhängigkeit von Apple. Nach der Kündigung eines Abonnements wäre es künftig nicht mehr möglich, beim Leser nachzufragen, warum er die iPad-Zeitung nicht mehr beziehen will. Darüber hinaus wird der Verkauf von iPad-Abonnements außerhalb des App-Stores offenbar drastisch eingeschränkt oder ganz verboten. Das Schlupfloch, innerhalb der App ein Fenster ins Internet zu öffnen und dort den Kauf abzuwickeln, will Apple nun schließen. Wie Bücher, die zentral über die iBook-App bezogen werden, werden dann auch Zeitungen oder Magazine zentral über das iTunes-Konto abgewickelt.

Die Verleger hoffen unterdessen, dass Apple seine harte Linie mit zunehmender Konkurrenz nicht durchhalten kann. Nach einer Studie der Unternehmensberatung OC&C wird der Anteil von Apple im Bereich der Tablet PCs bis 2015 nur noch zwischen 30 und 50 Prozent liegen. Schärfster Konkurrent von Apple ist Google mit seinem weitgehend offenen Android Market. Google überprüft Apps nicht im Vorfeld und erlaubt auch alternative Abrechnungsmethoden.

Welche wirtschaftliche Rolle das App-Geschäft spielen wird, ist noch offen. Derzeit experimentieren viele Verlage mit Bezahlmodellen für Tablet-PCs. Nach Marktschätzungen soll der Anteil des elektronischen Publizierens in zwei Jahren bei 2,5 Prozent in Deutschland liegen, schätzen Verlagsexperten. Die hiesigen Zeitungen setzen jährlich elf Milliarden Euro um, die Zeitschriften sieben Milliarden Euro.

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