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Hearst stellt „Seattle Post“ als Blatt ein

Die Krise des Werbemarktes hat in den Vereinigten Staaten ein weiteres Opfer gefordet. Nach 146 Jahren stellte die "Seattle Post" gestern ihre gedruckte Zeitung. Man sei in einer Phase des Experimentierens.

DÜSSELDORF. "Heute Abend machen wir die letzte Ausgabe, lasst es uns also richtig machen", sagte der Verleger Roger Oglesby. Das Unternehmen des Medienkonzern Hearst Corp. betreibt das Blatt aus dem Nordosten der USA nur noch im Internet in verkleinerter Form. "Wir glauben fest, dass wir in einer Phase der Innovation und des Experimentierens sind", sagte Steven R. Swartz, Präsident des Zeitungsgeschäfts von Hearst. "Wir denken, wir werden viel lernen, und wir glauben, dass der digitale Markt in Seattle ein großartiger Ort dafür ist."

Seit Januar hatte Hearst vergeblich versucht einen Käufer für das Blatt zu finden. Mit der Schließung fallen 140 Arbeitsplätze weg. Das Blatt hatte im vergangenen Jahr einen Verlust von 14 Mio. Dollar gemacht.

Hearst hatte vor kurzem angekündigt, die traditionsreiche Zeitung "San Francisco Chronicle" zu verkaufen oder zu schließen, sollte der harte Sparkurs zu keinem Erfolg führen. Die USA erlebt derzeit die schwerste Anzeigenkrise seit Jahrzehnten.

Seattle, Sitz wichtiger Konzerne wie Microsoft, wird dennoch keine Wirtschaftsmetropole ohne Zeitung sein. Die "Seattle Times" erscheint weiter als gedrucktes Blatt. Doch die "Seattle Times", die bislang eng mit der "Seatle Post" zusammen gearbeitet hatte, schreibt nach Angaben die "Wall Street Journal" Verluste.

Experten erwarten unterdessen in Europa keine amerikanischen Verhältnisse. "Eine ähnliche Entwicklung wie in den USA ist bei uns nicht in Sicht", sagt der Dortmunder Kommunikationswissenschaftler Horst Roeper. Die Situation im US-Zeitungsmarkt sei im Vergleich zu Deutschland eine grundsätzliche andere. "Die US-Zeitungen führen gegen lokale Fernsehstationen und lokale Radios einen harten Kampf um sinkende Werbeeinnahmen", sagt Zeitungsexperte Roeper.

Eine solche Konkurrenz zwischen TV und Print gebe es in Deutschland nicht. Zudem sei die Abhängigkeit der US-Blätter vom Werbemarkt viel größer. US-Zeitungen erzielen im Vergleich zu europäischen Blätter deutlich niedrigere Vertriebserlöse. In den vergangenen Jahren haben die deutschen Zeitungen - von "Bild" bis "Süddeutsche Zeitung" - über Preiserhöhungen ihre Vertriebserlöse erhöht. Laut Roeper erwirtschaften die deutschen Blätter durchschnittlich 45 Prozent ihre Umsätze über den Vertrieb.

In den USA geht es hingegen hart zur Sache. Am vergangenen Wochenende wurde die Zeitung "Tuscon Citizen" im Bundesstaat Arizonaeingestellt. Erst vor wenigen Wochen gab in Denver (Bundesstaat Colorado) die "Rocky Mountain News" auf. Künftig soll das Blatt nur noch als Internetzeitung erscheinen, aber nur wenn bis Ende April 50000 Abonnenten gefunden werden, die bereit sind, monatlich knapp fünf Dollar für ein Online-Abo zu zahlen.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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