Verlagsbranche: Bildungshunger beflügelt Wissenschaftsverlage

Verlagsbranche
Bildungshunger beflügelt Wissenschaftsverlage

Als Bertelsmann im Mai 2003 seine Fachverlagstochter Bertelsmann-Springer an die beiden Finanzinvestoren Cinven und Candover für 1,05 Mrd. Euro verkaufte, schien das ein cleverer Deal. Konzernchef Gunter Thielen wollte damals schnell die Schulden von Europas größtem Medienkonzern abbauen. Knapp vier Jahre später erscheint die Trennung von den weltweit 70 Verlagen und 700 Zeitschriften („Bauwelt“, „Ärzte-Zeitung“) wie ein strategischer Fehler. Denn das Geschäft mit dem Wissen boomt weltweit.

DÜSSELDORF. „Der Bildungshunger beflügelt die Fachverlage“, sagt ein Sprecher von Springer Science + Business, wie der Verlag von den neuen Besitzern umbenannt wurde. Als Bertelsmann die Berliner Verlagstochter verkaufte, lag der Jahresumsatz bei 731 Mill. Euro. Seitdem entwickelte sich das Geschäft – egal ob gedruckt oder online – prächtig. Nach Unternehmensangaben vom gestrigen Dienstag erzielte Springer Science + Business, die Nummer zwei in Europa, 2006 einen Rekordumsatz von 924 Mill. Euro. „Wir wachsen jedes Jahr kräftig. Umso mehr die Forschung boomt, umso mehr wird veröffentlicht“, heißt die einfache Erklärung in der Berliner Konzernzentrale. Springer steht mit seinem Erfolg nicht allein. Auch der niederländische Konkurrent Wolters Kluwer legte kräftig zu. Im letzten Quartal stiegen die Umsätze zum Vorjahr um sieben Prozent auf 920 Mill. Euro.

Im Gegensatz zur darbenden Schulbuchbranche wächst das Geschäft der Fach- und Wissenschaftsverlage. Denn hier haben der Staat oder einzelne Bundesländer weniger Einflussmöglichkeiten. Springer geht daher wie der weltweite Marktführer Reed Elsevier auf Distanz zum klassischen Erziehungsbereich. In Büchern für Schule und Universitäten sehen viele Verlagskonzerne keine großen Wachstumsmöglichkeiten mehr. Im Gegenteil: Reed Elsevier will beispielsweise seine Schulbuchsparte Harcourt verkaufen und sich auf das internetorientierte Fachverlagsgeschäft insbesondere in den Fachgebieten Wissenschaft, Medizin, Recht und Wirtschaft konzentrieren.

Im Gegensatz zum Rest der Verlagsbranche sind die Fachverlage sogar in der Lage, sich erfolgreich an der Börse zu behaupten wie der Branchenriese Reed Elsevier. Nun prüft Springer den Gang auf das glatte Börsenparkett. Die Zahlen stimmen offenbar. Zuletzt sprach Springer-Finanzvorstand Ulrich Vest von einer „überproportionalen Ergebnissteigerung“. Zweistellige Umsatzrenditen gelten in der Fach- und Wissenschaftsbranche als üblich.

Dazu trägt inzwischen auch das Internet verstärkt bei. Nancy McKinstry, Vorstandschefin des Fach- und Wissenschaftsriesen Wolters Kluwers, sprach zuletzt von einem „signifikanten Wachstum bei Online- und Softwareprodukten“. Doch damit nicht genug. „Mittlerweile sind alle unsere Bücher elektronisch verfügbar“, sagt ein Springer-Sprecher. Der Markt für E-Books zur universitären Ausbildung oder zur beruflichen Fortbildung wächst. Hinzu kommt, dass im Gegensatz zu Verlagen mit Publikumszeitschriften das konjunkturanfällige Anzeigengeschäft nur einen kleine Nebenrolle spielt. Denn Wissenschaftsmagazine finanzieren sich aus dem Abonnement.

Derk Haank, Chef des Fachverlagskonzerns Springer, strotzt daher vor Optimismus. Denn Expansionsmöglichkeiten in einer bildungshungrigen Welt gibt es viele. Wie seine Konkurrenten nutzt auch Haank boomende Märkte wie Indien für seine Renditeziele. Heute beschäftigt Springer bereits 1 500 eigene Mitarbeiter in dem Schwellenland, die dort englischsprachige Wissenschaftsmagazine betreuen. Tendenz steigend.

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