Verlagshaus im Umbruch
Sparkurs löst bei Gruner+Jahr eine Identitätskrise aus

Das früher so selbstbewusste Verlagshaus Gruner + Jahr hat mit seinem gewagten Experiment, Zeitschriften und Zeitungen erstmals aus einem Redaktionspool gleichzeitig zu bedienen, in eine Identitätskrise gestürzt. Der Stolz des Zeitschriftenhauses ist beschädigt. Aber noch muss sich Vorstandschef Bernd Kundrun seineUmbaupläne vom Aufsichtsrat absegnen lassen. Leicht wird das nicht.

DÜSSELDORF. Wenn es seine Freizeit zulässt, paddelt Bernd Kundrun gern durch die Kanäle der Außenalster. Der begeisterte Kanufahrer hat von seiner Villa im feinen Hamburger Stadtteil Winterhude direkten Zugang zum Wasser. Doch für sein Hobby fehlt dem Chef von Deutschlands größtem Zeitschriftenkonzern Gruner + Jahr im Moment die Zeit. Denn mit seinen umstrittenen Sparplänen für die Wirtschaftspresse hat der 51-Jährige alle Hände voll zu tun. Der Konzern will seine drei Wirtschaftsmagazine "Capital", "Impulse" und "Börse Online" mit dem Verlustbringer "Financial Times Deutschland" (FTD) bereits im März zusammenlegen. Die Standorte Köln und München werden dafür dichtgemacht, 60 Stellen ersatzlos gestrichen. 110 Journalisten aus Köln und München sollen nun zu schlechteren tariflichen Bedingungen in die neue Wirtschaftsredaktion nach Hamburg ziehen.

Und Kundrun? Der ist derzeit aus der Öffentlichkeit verschwunden. Spätestens aber am kommenden Donnerstag muss der lebensfrohe Rheinländer wieder auftauchen, um den Aufsichtsrat unter Vorsitz von Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski von seinen Sparplänen zu überzeugen.

Denn intern sind die Pläne Kundruns heftig umstritten. Dass sich verdiente Redakteure um einen Arbeitsplatz in der neuen Megaredaktion in Hamburg neu bewerben müssen, ist für das Verlagshaus ein Novum. "Das ist ein Einschnitt in die Unternehmenskultur. Viele fragen sich, wie es weitergehen soll", sagt ein Gruner-Aufsichtsrat, der nicht dem Betriebsratslager angehört.

Kundrun, der seit genau acht Jahren als Vorstandschef den Konzern lenkt, überlässt in dieser Identitätskrise seinem Deutschland-Chef Bernd Buchholz die große Bühne. Der eloquente Zeitschriften-Vorstand stellt sich den Mitarbeitern, gibt Interviews für das Intranet und verteidigt die harte Linie nach außen - immer unter dem Vorbehalt, dass der Aufsichtsrat auch zustimmt. Kundrun wird nun am kommenden Donnerstag in die Bütt steigen, um das Kontrollgremium zu überzeugen. Leicht wird das nicht. "Es gibt große Zweifel, ob mit einer Bündelung der Zeitschriften überhaupt noch journalistische Qualität geliefert werden kann", warnt ein Aufsichtsrat. "Auch der Umgang ist mehr als fraglich", fügt er an. Eigentlich liebt Kundrun Themen wie die soziale Verantwortung von Unternehmen. Doch in Zeiten rückläufiger Werbeeinnahmen fällt es schwer, schönen Worten auch Taten folgen zu lassen.

Kundrun steht unter Druck. Seit der Gründung der FTD im Jahr 2000 hielt er schützend die Hand über das Wirtschaftsblatt. Dabei war er immer optimistisch. "Die FTD wird 2009 schwarze Zahlen schreiben. Schon jetzt sind wir hauchdünn unter der Oberfläche, bald tauchen wir auf. Die Gruppe der Wirtschaftsmedien bei Gruner + Jahr macht natürlich schon jetzt Gewinn", sagte Kundrun noch im April. Heute sieht die Welt anders aus. FTD, "Capital" und "Impulse" schreiben rote Zahlen. Die Verluste bei den Wirtschaftsmedien sollen sich in diesem Jahr auf bis zu zehn Mio. Euro summieren, heißt es in Unternehmenskreisen.

Der Sparplan wird für Kundrun auch zu einer persönlichen Nagelprobe. Sein Vertrag als Vorstandschef läuft 2010 aus, berichten Konzerninsider. Nächstes Jahr stehen angeblich Gespräche zur Vertragsverlängerung an. Bislang hat Kundrun Bertelsmann und seinen langjährigen Weggefährten Hartmut Ostrowski immer noch überzeugt. Doch die Zeiten werden nicht einfacher.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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