Verunglückte Netflix-Werbung

Ich weiß, was du letztes Jahr geguckt hast

„Wer hat euch weh getan?“ Der Streamingdienst Netflix macht sich auf Twitter über Zuschauer lustig, die die Weihnachtsromanze „A Christmas Prince“ toll finden. Das ist vielleicht witzig – aber mindestens genauso gruselig.
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Der Streaming-Dienst analysiert die Vorlieben seiner Nutzer genau. Quelle: dpa
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Der Streaming-Dienst analysiert die Vorlieben seiner Nutzer genau.

(Foto: dpa)

DüsseldorfEs gibt vermutlich gute Gründe, den Film „A Christmas Prince“ fürchterlich zu finden. Es ist eine Weihnachtsromanze, in der ein Prinz auf einem Schloss alle Klischees aus dem Märchenbuch auslebt und auf einem Pferd dem erwartbaren Ende entgegenreitet. Schon der Plot ist zum Abschalten. Dann doch lieber zum fünften Mal „Stirb‘ langsam“.

Insofern ist es durchaus witzig, wenn sich die Online-Videothek Netflix über passionierte Fans und damit auch – als Produzent des Films – ein bisschen über sich selbst lustig macht: „An die 53 Leute, die ‚A Christmas Prince‘ 18 Tage in Folge geguckt haben: Wer hat euch weh getan?“, twitterte das Unternehmen diese Woche.

Die Zuschauerbeschimpfung kommt mit einem Augenzwinkern daher, über die niemand ernsthaft beleidigt sein kann – anders als beim scheidenden Pro-Sieben-Sat-1-Chef Thomas Ebeling, der die eigenen Zuschauer kürzlich als „ein bisschen arm“ und „ein bisschen übergewichtig“ bezeichnet hatte. Und doch ist sie bedenklich, zeigt sie doch eine fragwürdige Einstellung zum Datenschutz.

Dass Netflix genau nachvollziehen kann, was jeder einzelne der mehr als 100 Millionen Kunden guckt, ist zwar bekannt. Nur so kann der Dienst schließlich Serien und Filme vorschlagen, die zum eigenen Geschmack passen. Das Unternehmen selbst spricht von seiner „Superkraft“. Doch nach diesem Witz stellt sich die Frage, welche Mitarbeiter darauf Zugriff haben, und unter welchen Bedingungen.

Gegen Marktforschung ist schwerlich etwas einzuwenden. Aber darf auch die Marketingabteilung in die Daten gucken? Sind diese dann anonymisiert? Und was weiß das Unternehmen noch? Antworten hat der Konzern nicht geliefert. Er erklärt nur, dass die Privatsphäre der Nutzer wichtig sei und es sich bei der Veröffentlichung um „generelle Trends“ handle.

Es handelt sich um wichtige Themen, aus zwei Gründen. Zum einen ist ein sensibler Umgang mit Zugriffsrechten wichtig, um die Daten vor Hackern und Schnüfflern innerhalb und außerhalb des Unternehmens schützen zu können. Bildlich gesprochen: Wer sorglos mit den Schlüsseln umgeht, der macht es anderen leicht, ins Haus einzudringen.

Zum anderen lässt die Nachricht erahnen, welches Wissen Unternehmen in der vernetzten Welt anhäufen. Netflix ist noch ein harmloses Beispiel: Der Fahrtenvermittler Uber ließ 2015 wissen, dass er anhand von Fahrten in der Nacht Kunden identifizieren könne, die One-Night-Stands haben. Vermeintlich unschuldige Daten können viel preisgeben. Erst recht, wenn Firmen diese miteinander teilen, wie es etwa in der Online-Werbung üblich ist.

Es gibt keine Hinweise darauf, dass Netflix die Daten verkauft oder vermarktet. Trotzdem sollte die witzige gemeinte Werbung einen Anlass für eine Diskussion bieten. Wer die Kundendaten nutzt, trägt eine große Verantwortung. Längst nicht nur für öffentliche Witze über romantische Komödien.

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