Veruntreute Summe größer als angenommen
Siemens ist „die Spitze des Eisberges“

Die Finanzaffäre bei Siemens ist nach Einschätzung von Experten bei weitem kein Einzelfall. Die Anti-Korruptionsorganisation Transparency International spricht von „der Spitze des Eisberges“. Inzwischen weitet sich der Skandal bei Siemens aus. Die Staatsanwaltschaft geht nun von deutlich höheren veruntreuten Summen aus als bisher.

HB MÜNCHEN. Die Finanzaffäre bei Siemens nimmt immer größere Dimensionen an. Die Staatsanwaltschaft geht inzwischen davon aus, dass deutlich mehr als die bisher angenommen 20 Mill. Euro veruntreut und ins Ausland gebracht wurden. „Von einem dreistelligen Millionenbetrag gehen wir noch nicht aus“, sagte Oberstaatsanwalt Anton Winkler am Montag in München. Es seien aber größere Summen auf ausländischen Konten eingefroren. In der Finanzaffäre sind die Ermittler nach eigenen Angaben bis in die Vorstandsetage bei Siemens vorgedrungen. Die Vorstandsbüros seien bei der Großrazzia vergangene Woche durchsucht worden. Allerdings gehörten Mitglieder des Zentralvorstands nicht zu den Beschuldigten.

Auch das Unternehmen selbst betonte, dass Vorstandschef Klaus Kleinfeld von der Staatsanwaltschaft nur als Zeuge gesehen werde. Er sei bisher auch nicht vernommen worden. Im Umfeld des Konzerns wurde zudem betont, die Ermittlungen konzentrierten sich auf einen Zeitraum um das Jahr 2002 herum, in dem Kleinfeld noch Siemens-Chef in den USA gewesen sei.

Die Anti-Korruptions-Organisation Transparency International forderte eine umfassende Aufklärung der Affäre. „Wir wissen, dass bei Korruption immer nur ein kleiner Bruchteil ans Tageslicht kommt und wir nur die Spitze des Eisberg zu sehen bekommen“, sagte der stellvertretende Vorsitzende Peter von Blomberg. Man dürfe auch nicht einfach darauf verweisen, dass in anderen Ländern Korruption üblich sei und Aufträge nicht anders zu bekommen seien. Zum einen sei erfreulicherweise seit einigen Jahren auch Bestechung im Ausland in Deutschland strafbar. Zudem müsse jedes Unternehmen ganz klar entscheiden, wo es die Grenzen ziehe. Notfalls müsse ein Konzern wie Siemens auf Aufträge verzichten.

Die Finanzaffäre war in der vergangenen Woche bekannt geworden. Am Mittwoch durchsuchten mehr als 270 Polizeibeamte, Staatsanwälte und Steuerfahnder in einer groß angelegten Razzia die Konzernzentrale in München und insgesamt rund 30 weitere Siemens-Standorte in Deutschland und Österreich. Bei den Ermittlungen geht es um Unregelmäßigkeiten in der Siemens-Festnetzsparte Com, die derzeit aufgelöst wird. Das veruntreute Geld soll möglicherweise für Schmiergeldzahlungen im Ausland eingesetzt worden sein. „Die Ermittlungen laufen weiter auf Hochtouren“, sagte Oberstaatsanwalt Winkler. Die Ermittler seien mit der Auswertung der beschlagnahmten Unterlagen und mit weiteren Vernehmungen beschäftigt.

Im Zuge der Ermittlungen waren fünf Personen festgenommen worden, darunter auch ein ehemaliger Siemens-Bereichsvorstand, der derzeit Geschäftsführer einer Siemens-Tochter ist. Inzwischen ist ein Beschuldigter wieder auf freiem Fuß. Der Haftbefehl sei außer Vollzug gesetzt worden, sagte Oberstaatsanwalt Winkler. Im Rahmen der Vernehmung habe sich herausgestellt, dass sein Tatbeitrag dies zulasse. Laut Branchenkreisen soll es sich dabei aber nicht um den hochrangigen Manager halten. Die vier weiteren Beschuldigten befinden sich noch in Haft. Insgesamt geht die Staatsanwaltschaft derzeit von einem Dutzend Verdächtigen aus, darunter befindet sich ein weiterer ehemaliger Siemens-Bereichsvorstand, der heute für ein anderes Unternehmen arbeitet.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%