Viola Hermes Drath ist tot
Eine große Transatlantikerin mit Stil und Mut

Viola Herms Drath verstarb in Washington im Alter von 91 Jahren. Mit ihr verstummt eine große Transatlantikerin – und eine treue Kollegin des Handelsblattes.
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WashingtonUnter den deutschen Korrespondenten in Washington war sie stets die formvollendete „Grande Dame“. Viola Herms Drath verströmte bis zuletzt eine Grandezza, die ihre Basis in ihrem Wesen und ihrer Biographie hatte. Einer Biographie, die eindrucksvoller kaum sein konnte. Herms Drath war zeit ihres Lebens Journalistin, Buchautorin und buchstäblich bis zur letzten Stunde leidenschaftliche Transatlantikerin. Das Handelsblatt bildete das journalistische Herzstück ihres beruflichen Lebens. Rund 27 Jahre, von 1975 bis 2002, berichtete und kommentierte sie für die Wirtschaftszeitung - zunächst über den Kunstmarkt, dann über Außen- und Sicherheitspolitik. Am 11. August, im Alter von 91 Jahren, starb Viola Herms Drath in der US-Hauptstadt.

Was indes die muntere Dame aus dem Statdtteil Georgetown in Washington von vielen ihrer Kollegen unterschied: Viola Herms Drath berichtete nicht nur über Ereignisse. In einem entscheidenden Moment der Geschichte setzte sie selbst einen Markstein. Bevor überhaupt eine deutsche Wiedervereinigung denkbar schien, entwickelte die gebürtige Düsseldorferin die Verhandlungsformel 2+4. Nach diesem Modell sollten die beiden deutschen Staaten mit den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs über Möglichkeiten der Vereinigung Deutschlands beraten.

Als Herms Drath ihre Thesen 1988 dem „American Foreign Policy Newsletter“ anbot, war der Redaktion bei dem Stück nicht ganz wohl. Denn die Frage der deutschen Wiedervereinigung schien noch Lichtjahre entfernt zu sein. „Am Ende aber wurde der Aufsatz gedruckt", freute sich Herms Drath noch in einem Gespräch vor zwei Jahre über ihren Coup. Denn nur gut ein Jahr später wurde die Formel schon politische Realität. Die Mauer fiel und nach dem 2+4-Muster saßen Deutsche und Siegermächte nun tatsächlich an einem Tisch. Und Viola Herms Drath wurde seitdem als vorausschauende Denkerin verehrt und mehrfach ausgezeichnet.

Vorgewagt hatte sich die stets positiv wirkende Dame, die einen Faible für ausladende Hüte hatte, schon Jahre zuvor. 1977 veröffentlichte sie eine Biographie über den früheren Bundeskanzler Willy Brandt. Das Buch („Prisoner Of His Past“) beschäftigte sich indes nicht nur mit dem politischen Leben des SPD-Politikers, sondern leuchtete auch dessen turbulentes Privatleben aus – und dies, obwohl Herms Drath in den 70er Jahren auch noch für die Parteizeitung „Vorwärts“ aus Washington berichtete. Damals war es nicht weniger als ein Tabubruch, wenig schmeichelhafte Details aus dem Leben eines angesehenen Politikers öffentlich zu machen. Die unerschrockene Viola Herms Drath erntete aber auch dafür größtes Lob. Der Schriftsteller Norman Mailer pries das Buch als bestes Werk über Brandt. Und Ex-Außenminister Henry Kissinger würdigte die Arbeit als „Pflichtlektüre“.

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