Virtuelle Friedhöfe
Der Umgang mit dem digitalen Erbe

Was passiert mit den Massen an Daten im Internet, wenn der Nutzer einmal stirbt? Meist wissen Angehörige nicht einmal, wo der Verstorbene im Netz unterwegs war. Firmen helfen dabei, die virtuellen Daten zu sichern.
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FrankfurtEin Drittel der Deutschen verbringt seine gesamte Freizeit im Internet. Durchschnittlich 140 Minuten sind die Nutzer dem Branchenverband Bitkom zufolge täglich online, um Emails zu checken und Kontakte zu pflegen. Doch was passiert mit diesen Daten, wenn ein Nutzer einmal verstirbt?

Kaum jemand beschäftigt sich mit dieser Frage - auch wenn sich deren Brisanz angesichts der steigenden Datenmengen im Internet stets erhöht. Fast niemand denkt beispielsweise daran, beim Notar oder Anwalt Benutzernamen und Passwörter zu hinterlegen und so den Erben zu helfen.

Bisher ist das aber kaum die Realität. Zwar haben die Erben einen Anspruch auf den digitalen Nachlass - meist aber fehlt ihnen der Zugriff darauf und oft wissen die Angehörigen gar nicht, wo der Verstorbene im Netz unterwegs war und Spuren hinterlassen hat. So haben sich erste Firmen darauf spezialisiert, den digitalen Nachlass zu sichten - und entsprechend dem Wunsch des Verstorbenen, zu löschen oder zu speichern.

Einfach ist das nicht. Denn die Internetdienste reagieren unterschiedlich, wenn sie vom Tod eines Nutzers erfahren. Facebook etwa versetzt die Konten verstorbener Mitglieder in den Gedenkzustand. Nur bestätigte Freunde können das Profil dann noch sehen. Alternativ können Angehörige die Entfernung beantragen.

Bitkom-Präsident Dieter Kempf betont: "Da sich im Netz wichtige Informationen befinden können, sollten Angehörige genauso sorgfältig damit umgehen wie mit Schriftstücken aus Papier."

Um herauszufinden, welche Online-Dienste ein Verstorbener überhaupt genutzt hat, welche Spuren er im Netz hinterlassen und welche Informationen er im virtuellen Raum hinterlegt hat. Dazu können sie einen Suchdienst beauftragen - wie etwa Semno.

Die Trauerbegleiterin Birgit Janetzky, die das Unternehmen im Jahr 2010 mit dem IT-Spezialisten Marc Zielenski gegründet hat, spricht mit vielen Kunden : "98 Prozent der Menschen haben sich noch nie mit ihrem digitalen Nachlass beschäftigt", sagt Janetzky. Wenn sie die Angehörigen von ihrem Service überzeugen konnte, untersucht sie mit ihrem Kollegen den Computer und die Internetnutzung des Verstorbenen.

Kunden entscheiden über Speichern oder Löschen

Für einen Festpreis von 139 Euro erhalten die Kunden ein Gutachten über Emails, Verträge und Benutzerprofile. Dann können sie entscheiden, ob sie Semno weiterbeauftragen - etwa für das Speichern von Daten oder das Löschen von Profilen. Ob sich die Investition lohnt, lasse sich nicht immer monetär ausdrücken, sagt Janetzky: "Zwar kann es sein, dass wir Guthaben auf Paypal-Konten finden. Oft geht es aber auch um die Sicherung von emotional bedeutsamen Hinterlassenschaften wie Bildern und Texten."

Bisher hilft Semno den Hinterbliebenen. Janetzky entwickelt derzeit aber auch ein Vorsorgeangebot, damit Kunden ihren digitalen Nachlass vor dem Tod regeln können. Mit einer ähnlichen Idee haben sich bereits diverse Online-Angebote versucht: Die Kunden sollten ihre Daten auf einer zentralen Plattform im Internet sammeln, so dass im Todesfall vorher bestimmte Personen Zugang bekommen. Der Bitkom sah die Dienste kritisch. Nutzer sollten gut darüber nachdenken, ob sie derart sensible Daten gesammelt einem Dienstleister überlassen.

Daher war dieses Geschäftsmodell bislang wenig erfolgreich: So hat der 2009 gestartete Online-Dienst Idivus aufgegeben, nachdem sich zu wenig Nutzer begeisterten. "Idivus hat sich aus wirtschaftlicher Sicht nicht gelohnt", sagt Mitgründer Marco Hamburger. Ähnlich erging es dem Service Mywebwill, der im Herbst 2011 vom Netz ging. Idivus-Gründer Hamburger schließt aber nicht aus, dass die Seite irgendwann wiederbelebt wird - wenn den Nutzern die Wichtigkeit des digitalen Nachlasses bewusster ist.

Bereits heute will nicht jeder Angehörige alle Daten des Verstorbenen aus dem Netz entfernen. Für viele ist das Internet ein Ort der Trauer. Daraus entwickelten sich virtuelle Friedhöfe wie Emorial. Das Portal bietet die Möglichkeit, Erinnerungsseiten für Verstorbene zu gestalten. Über 250 000 solcher Seiten zählt Emorial bislang.

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