Bei Vodafone konkretisieren sich die Pläne für den indischen Mobilfunktmarkt. Konzernchef Arun Sarin bekräftigte am Mittwoch in Neu Delhi sein Interesse an der Übernahme von Hutchison Essar. Damit bahnt sich ein Bieterwettstreit der Superlative um den viertgrößten Mobilfunkanbieter des Landes an, der lokal unter der Marke „Hutch“ firmiert.
NEU DELHI. Der Deal ist mit rechtlichen Fußangeln gespickt, doch Analysten rechnen mit der teuersten Übernahme in Indiens Geschichte. Im Gespräch sind bis zu 21 Mrd. Dollar. Bis zu einem festen Gebot würden noch „ein paar Wochen“ vergehen, erklärte Sarin bei seinem Eintreffen in Indien.
Vodafone darf indischen Medien zufolge als erster Hutchs Bücher prüfen. Der größte Mobilfunker der Welt braucht wegen gesättigter Märkte im Westen einen neuen Wachstumsschub. Indien wäre ideal: Der Markt wächst seit kurzem noch schneller als der chinesische. Jeden Monat kommen fast sieben Millionen Kunden hinzu. Vor drei Jahren telefonierten erst 36 Millionen Inder mobil. Heute sind es 143 Millionen, und bis 2010 sollen es mehr als doppelt so viele werden.
In Reliance Communications findet Vodafone allerdings einen ernstzunehmenden Rivalen. Dieser ist mit 21 Prozent Marktanteil Indiens zweitgrößter Mobilfunker, und er ist Teil eines mächtigen Konglomerats. Dessen Chef Anil Ambani will seine finanzielle Feuerkraft erhöhen, indem er große Private-Equity-Gesellschaften mit ins Boot nimmt. Gestern beriet der Reliance-Vorstand über weitere Finanzierungsmöglichkeiten. Im Gespräch sind eine Zweitemission in Milliardenhöhe und Großkredite.
„Uns ist glasklar, wie wir den Firmenwert steigern können“, sagte der Tycoon. „Hutch ist eine Gelegenheit dafür.“ Gelingt der Kauf, würde Ambani drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Der ehrgeizige Miterbe von Indiens größtem Konzern-Imperium wäre mit 37 Prozent Marktanteil neuer Mobilfunk-König, weit vor Bharti Airtel (22 Prozent). Im Handumdrehen wäre Reliance zudem der geplante Technologiewechsel von CDMA auf GSM gelungen. Außerdem würde der Erwerb des Premiumanbieters die Margen eines Unternehmens stärken, das Marktanteile mit Billig-Angeboten gekauft hat.
Überdurchschnittliches Wachstum und Indiens höchste Durchschnittsumsätze pro Kunden machen Hutch zum Filetstück eines ohnehin attraktiven Markts. Zwar kommt das Joint Venture zwischen Hongkongs Hutchison Whampoa-Konzern und der indischen Essar-Gruppe mit einem Anteil von 16 Prozent nur auf Rang vier nach der staatlichen BSNL, doch in absehbarer Zeit steht kein zweiter Mobilfunker mehr zum Verkauf. Mit einem „Seltenheitswert“ rechtfertigte daher Hutch-Chef Asim Ghosh die hohe Bewertung der Firma. „Viel zu teuer“, winkte hingegen Sunil Mittal öffentlich ab. Der Gründer von Bharti Airtel will daher nicht in den Bieterkampf einsteigen.
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Schließlich fordert Hutchison einen Mindestpreis von 14 Mrd. Dollar für seinen Zwei-Drittel-Anteil. Das würde das Unternehmen mit mindestens 21 Mrd. Dollar bewerten. Vorigen Juni hatten die Hongkonger ihren Anteil um fünf Prozent erhöht – für 450 Mill. Dollar. Das implizierte nur einen Firmenwert von neun Mrd. Dollar. Analysten fürchten, dass Vodafone zu viel bezahlten könnte. Die Aktie steht unter Druck, seit Sarins Kaufpläne bekannt wurden.
Hutchison-Chef Li Ka-shing knüpft mit dem bevorstehenden Deal indes an verblasste Glanzzeiten an: etwa den Verkauf von Orange an Mannesmann zu Höchstpreisen. Doch inzwischen braucht Li den Geldsegen auch, um die hohen Verluste beim Aufbau seines europäischen UMTS-Geschäfts zu mindern.
Außer Vodafone und Reliance haben weitere Bieter ihren Hut in den Ring geworfen: Neben der Hinduja-Familie, die Indiens zweitgrößten Nutzfahrzeughersteller kontrolliert, pokert die Essar-Gruppe mit. Das Konglomerat konzentriert sich bislang auf Schwerindustrie. Es war mit 33 Prozent Anteil an Hutch bislang stiller Partner der Hongkonger. Manche sehen in Essars Gebot nur den Versuch, den Verkaufspreis hoch zu stemmen, doch Chairman Shashi Ruia schwört echtes Interesse: „Es geht hier um unsere Firma“, sagt er.
Zugleich belebt der Verkauf alten Zwist zwischen den Partnern. Essar beansprucht ein Vorkaufsrecht, dessen Umfang Hutchison kleinredet. Endet der Streit vor Gericht, könnte sich eine Übernahme lange hinziehen. Für Vodafone lauern weitere Tücken: Die Briten halten zehn Prozent an Bharti Airtel. Diese müssten sie nach einem Einstieg bei Hutch verkaufen. Beim Erwerb des Anteils hatte sich Vodafone verpflichtet, Bharti keine Konkurrenz zu machen. Dieses Recht muss den Indern abgekauft werden, glauben Analysten.
Außerdem müsste Vodafone in Indien lernen, trotz der niedrigsten Tarife der Welt Gewinn zu machen: Eine durchschnittliche Gesprächsminute kostet nur zwei Cent.

