Vor 400 Jahren wurde die erste Zeitung herausgebracht
Journalismus zur Zeit des Sonnenkönigs

Schon 1966 waren Exklusiv-Nachrichten für Journalisten wichtig. Besonders erfolgreich in diesem Genre war ein Reporter aus der holländischen Provinzstadt Haarlem. Die Korrespondenten des Blattes recherchierten besser als die Agenten der Haager Regierung.

HB London. Als die holländische Kriegsflotte 1666 mit durchlöcherten Segeln und schiefen Masten im Hafen von Vlissingen einläuft, wartet am Kai ein Reporter, um Admiral de Ruyter zur letzten Seeschlacht zu befragen. Es ist Abraham Casteleyn, Herausgeber und Chefredakteur des „Oprechte Haerlemse Courant“ - der Starjournalist zur Zeit des Sonnenkönigs.

Sein Blatt aus der holländischen Provinzstadt Haarlem wird in London, Paris, Berlin und sogar in Moskau gelesen. Ein zeitgenössischer Historiker beschreibt ihn als den „bekannten Courantier, der es gewohnt ist, von allen Ecken und Enden der Welt unter großen Kosten Kundschaften und Nachrichten einzuholen“.

Im Amsterdamer Rijksmuseum kann man Casteleyn bis heute ins Gesicht schauen. Ein großes Gemälde, datiert 1663, zeigt ihn modisch gekleidet mit seiner Frau Margarieta van Bancken auf einer Veranda sitzend. Das Gemälde ist das erste Bild eines professionellen Journalisten - und einer solchen Journalistin: Denn als Casteleyn 1681 starb, übernahm Margarieta den Betrieb.

Casteleyn hat in den 50er Jahren des 17. Jahrhunderts das engmaschigste Korrespondentennetz seiner Zeit geknüpft. Zuweilen spionieren seine Journalisten besser als alle Agenten der Haager Regierung. Die englische Admiralität ordnet an, alle Rüstungspläne so geheim wie möglich zu halten, damit es nicht in die holländische Zeitung kommt, so wie unlängst die Inspektionsfahrt des Königs eine Woche später in der Haarlemer Gazette gestanden hat.

Casteleyn ist berühmt für seine Aktualität. Viele seiner Inlandsmeldungen behandeln Ereignisse vom Vortag - beispiellos im Zeitalter berittener Boten. Dafür kostet sein von beiden Seiten bedrucktes Einzelblatt aber auch 24 Stüber: Das ist der halbe Wochenlohn eines Arbeiters.

Der Stil des Nachrichtenmanns ist knapp und nüchtern, selbst als Holland 1672 von französischen Truppen überrannt wird. Wenn er eine Nachricht bringt, die er nicht auf ihre Richtigkeit überprüfen kann, so macht er dies deutlich, indem er den Konjunktiv verwendet. Liegen ihm widersprüchliche Angaben vor, so weist er darauf hin. Haben sich Holländer und Engländer eine Schlacht geliefert, stellt er dem offiziellen Rapport von Admiral de Ruyter einen Bericht seines englischen Korrespondenten in London gegenüber.

Dass er, der als bestinformierter Mann des Landes gepriesen wurde, heute vergessen ist, mag mit der Kurzlebigkeit seines Mediums zu tun haben. Nur wenige Exemplare seines „Oprechte Haerlemse Courant“ sind noch erhalten, denn wer bewahrt schon Zeitungen auf? Was zur Zeit Casteleyns mit alten Couranten geschah, zeigt ein Stillleben des Malers Gerard Dou (1613-1675) in Dresden: Da hat ein Raucher seinen Tabak in eine zusammengeknüllte Zeitung eingewickelt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%