Wachstum um jeden Preis
Twitter zieht die Notbremse

Twitters neuer Chef will den ehemaligen Liebling der Investoren verschlanken und feuert erstmals Mitarbeiter im großen Stil. Doch hilft das? Die Wall Street zweifelt an dem Wachstumswert, der nicht mehr wächst.

San FranciscoBart Teuuwisse fand es ganz knallhart über Twitter heraus. „Sie sind von Twitter Inc. entfernt worden“, ist auf dem Screenshot zu lesen, den er am Dienstagmorgen mit der Bemerkung tweetete: „Ich bin betroffen von den Entlassungen bei Twitter. So habe ich es herausgefunden.“ Die Fehlermeldung, die er gleichzeitig sah las sich ganz unschuldig: „Es gibt ein Problem mit dem Zugang. Bitte melden Sie sich noch einmal an.“

Doch Bart Teuuwisse hätte es tausendmal versuchen können, es hätte nicht geklappt. Er hat keine Zeit zu verlieren, und das machte der neue Vorstandschef Jack Dorsey am Dienstag unmissverständlich klar: Nur eine Woche nach seiner Ernennung zum permanenten Vorstandschef des Kurznachrichtendienstes Twitter in San Francisco kündigte er die Entlassung von rund acht Prozent der Belegschaft – 336 Mitarbeitern – an.

Die Aktie reagierte zunächst mit einem Plus von bis zu 4,5 Prozent auf 30,68 Dollar, gab dann aber einen Teil der Gewinne wieder ab und fiel zurück bis weit unter 30 Dollar. Das Allzeithoch liegt bei 74 Dollar. Denn die Maßnahme an sich ist kein gutes Zeichen und einige der potenziellen Folgen auch nicht.

Der Personalabbau trifft auch viele Softwareentwickler, was für Erstaunen im Silicon Valley sorgt. Richard Windsor, Analyst bei Forrester: „Einfach Entwickler zu entlassen, das sieht so aus, als ob die große Strategie für die Rückkehr zum Wachstum nicht existiert. Und keine Strategie haben bedeutet, die Schätzungen für das Geschäftsjahr 2016 sind zu hoch.“

Jack Dorsey sieht es anders: „Die Bereiche Produkt und Entwicklung werden die größten Änderungen durchmachen“, so Dorsey in einem Brief an die Mitarbeiter. „Wir glauben fest daran, dass die Entwicklungsabteilung schneller mit einem kleineren und flexibleren Team arbeiten wird.“

Twitter kämpft mit anhaltenden Wachstumsproblemen, im zweiten Quartal 2015 lag die Wachstumsrate bei den Nutzern so tief wie noch nie und Konkurrenten wie das Fotonetzwerk Instagram ziehen problemlos vorbei. Während rund 300 Millionen Menschen mindestens einmal im Monat ihre Tweets checken, zeigen 400 Millionen ihre Fotos auf Instagram und 1,4 Milliarden tummeln sich auf Facebook.

Das Bild könnte unterschiedlicher nicht sein. Während Facebook oder Google Geld verdienen und trotzdem investieren können, muss Dorsey sparen lernen. Oder wie Mark Mahaney von RBC Capital Markets es ausdrückt: „Wir sind etwas besorgt“, schreibt der Analyst, „Twitter sollte zu diesem Zeitpunkt auf Wachstum fokussiert sein und nicht auf Effektivität.“

Der Hintergrund: Mit der Ankündigung der Restrukturierung gab Dorsey einen ersten Einblick ins laufende Quartal. Der Umsatz soll demnach „am oberen Ende oder über“ den geplanten 560 Millionen Dollar liegen. Der stark bereinigte Gewinn (EBITDA) werde bei 110 bis 115 Millionen Dollar liegen. Ob das zu einem Nettogewinn führen wird, ist nicht klar und eher unwahrscheinlich. Zum Mitgliederwachstum gab es dagegen keinerlei Aussagen. Finanzchef Anthony Noto hatte zuvor noch erklärt, für neues Wachstum brauche es eine „erhebliche Zeit“.

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