Wall-Street-Journal-Übernahme
Ein unmoralisches Angebot

Bis zur letzten Minute stand der Deal noch auf der Kippe. Nach zähem Ringen kam er doch zum Zug: Rupert Murdoch wird für fünf Milliarden Dollar Chef von Dow Jones und des "Wall Street Journals". Die Redaktion ist geschockt. Die Chronik eines unmoralischen Angebots.

NEW YORK. Ruhig, aber nicht entspannt sitzt Marcus Brauchli auf einer eisernen Bank im Wintergarten des World Financial Centers. Es ist Ende April, Brauchli, fast 1,90 Meter groß, wippt mit seinen langen Beinen hin und her. Der Blackberry summt im Zehn-Sekunden-Takt. Brauchli ist ein gefragter Mann. Seit einigen Tagen ist es offiziell: Der 45-jährige Amerikaner mit dem Schweizer Pass soll Mitte Mai neuer Chefredakteur des "Wall Street Journals" werden.

Für Brauchli ist es der Gipfel seiner Karriere und der Lohn jahrelanger harter Arbeit. Er ist voller Tatendrang. "Wir dürfen in Krisenzeiten unser Angebot nicht zurückfahren", sagt er mit Blick auf die wirtschaftlichen Probleme der Zeitungsbranche. Brauchli ist ein Gestalter, kein Sparkommissar. Er will das Journal in eine digitale Zukunft führen.

Doch noch bevor der neue Chefredakteur sein Amt antreten kann, wird ihm das Schicksal seiner Zeitung aus den Händen genommen. Wenige Tage nach der Verkündung von Brauchlis Inthronisierung wird ruchbar: Rupert Murdoch will Dow Jones übernehmen. Das wollte das Raubein der Medienszene zwar schon häufiger. Aber diesmal bietet sein Konzern News Corp. 60 Dollar pro Aktie oder insgesamt fünf Milliarden Dollar. Das ist eine Prämie von zwei Dritteln gegenüber dem letzten Börsenkurs und mehr, als sich die Eigentümerfamilie Bancroft in der jetzigen Krisenzeit jemals erhoffen kann.

Der Schock sitzt tief in der Familie und in der Redaktion des Journals. Und hat jedenfalls die Redaktion bis heute nicht verlassen - Chronik eines unmoralischen Angebots und seiner Folgen.

Der Preis, den Murdoch bietet, ist irrsinnig hoch, aber dem Zeitungsbaron trauen viele nicht über den Weg. Zu häufig hat sich der australische Hitzkopf in die Belange seiner Redaktionen eingemischt. Zu oft hat er seine rund 100 Blätter seinen politischen und geschäftlichen Interessen untergeordnet. "Unter einem Dach mit dem Boulevardblatt New York Post?" fragt ein frustrierter Redakteur. Für ihn und viele seiner Kollegen ist das unvorstellbar. Dow Jones verkörpert seit über 100 Jahren das Gegenteil Murdochs. Die Bancrofts haben sich kaum in die Führung des Unternehmens eingeschaltet. Sie haben sich als Hüter der journalistischen Unabhängigkeit vor allem des Wall Street Journals verstanden.

Brauchli wird zum Berater der Bancrofts bestellt und muss die Berichterstattung über den Coup des Jahres seinem Vorgänger Paul Steiger überlassen. Der wurde von Murdoch bereits einige Tage zuvor über das Angebot informiert, hat aber geschwiegen. So meldete nicht das Journal die Exklusivgeschichte in eigener Sache, sondern der Fernsehsender CNBC. Für viele Journal-Reporter ist das eine weitere bittere Pille.

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