Wegen Abhöraffäre
ORF schlittert in schwere Führungskrise

Der österreichische Rundfunk ORF wird seit Wochen von Personalquerelen erschüttert. Generaldirektor Alexander Wrabetz steht mit dem Rücken zur Wand. Mit Finanzdirektor Richard Grasl steht ein Nachfolger bei vorgezogenen Neuwahlen bereit.
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WIEN/DÜSSELDORF. Wie eine hässliche Trutzburg thront der ORF auf dem Küniglberg über Wien. Die Festung am Rande der österreichischen Hauptstadt hat in diesen Tagen Risse bekommen. Die "Abhöraffäre" manövriert den ORF in eine schwere Führungskrise. Am Freitag trat Kommunikationschef Pius Strobl zurück. "Ich bin demütig, ich bin dankbar, aber jetzt gehe ich", sagte Strobl.

Im ORF war der Pressechef zu Unperson geworden. Denn Strobl ordnete an, Gespräche zwischen ORF-Managern und Journalisten mitzuschneiden. "Der Rücktritt von Herrn Strobl war unvermeidlich", sagte Online-Chef Thomas Prantner dem Handelsblatt. Strobl war früher Bundesgeschäftsführer der Grünen. Durch die "Abhöraffäre" wackelt mittlerweile auch der Stuhl des Generaldirektors. Womöglich will der Stiftungsrat (Aufsichtsrat) des ORF bei seiner nächsten Sitzung am 16. Dezember die Neuwahl des ORF-Chef vorziehen. Das glauben Unternehmensinsider. Vorgezogenen Neuwahlen könnten bereits am 17. Februar stattfinden. Offiziell läuft der Vertrag von Wrabetz erst Ende nächsten Jahres aus.

Mit dem in diesem Jahr berufenen Finanzdirektor Richard Grasl steht ein möglicher Nachfolger für Wrabetz bereit. Der ORF-Finanzdirektor lässt jedenfalls schon durchblicken, dass er an dem Intendantenposten interessiert ist. "Ich spreche mich für Neuwahlen aus, am besten gleich morgen", hatte er bereits vor dem Rücktritt von Pius Strobl in einem Interview gesagt. "Grasl hat natürlich Ambitionen", bestätigte ein langjähriger Insider. Grasl steht der konservativen ÖVP nahe und war zuletzt Chefredakteur des ORF in Niederösterreich.

Der bestens in Wien verdrahtete Journalist gilt als Ziehsohn des Landeshauptmanns Erwin Pröll aus Niederösterreich. Grasl war mit Prantner maßgeblich am Gelingen des ORF-Gesetzes beteiligt, mit dem der Sender seine Finanzlücke stopfte. Die einflussreichen "Freundeskreise" von SPÖ und ÖVP im ORF-Stiftungsrat drängen unterdessen die großen Fraktionen in Österreichs Parlament zu einer Gesetzesänderung, um die Spitzenpositionen des öffentlich-rechtlichen Senders vorzeitig erneuern zu können. "Es ist die Meinung der überwiegenden Mehrheit der Stiftungsräte, dass man hier aktiv werden sollte", sagte am Wochenende Franz Medwenitsch, der im Stiftungsrat die Interessen der Konservativen vertritt. Ähnlich äußerten sich auch die Vertreter der Sozialdemokraten im Kontrollgremium des ORF. Der mächtige SPÖ-Fraktionschef Josef Cap deutete an, dass sich seine Partei auf eine vorzeitige Neuwahl an der Spitze des ORF einlassen könnte.

Wochenlange Personalquerelen

Der Intendant und die anderen Führungspositionen müssten nicht wie ursprünglich geplant erst im August bestimmt werden. Die ORF-Gremien könnten die Besetzung der Führungspositionen auch ein halbes Jahr vorziehen. "In der Wirtschaft ist das ja auch so", betonte der Politiker. Die Handlungsfähigkeit des Senders ist trotz der Affäre unterdessen gewahrt. "Wir haben ein funktionierendes Direktorenteam, das den Reformkurs von Alexander Wrabetz unterstützt", sagt ORF-Manager Prantner. Das Image des Senders hat stark gelitten. "Das Publikum erwartet sich vom ORF nicht Streitereien, sondern ein gutes Programmangebot im Fernsehen, Radio und Internet", kritisierte Online-Chef Prantner gestern.

Der ORF wird seit Wochen von Personalquerelen erschüttert. Informationsdirektor Elmar Oberhauser war mit der Bestellung der neuen TV-Chefredakteurs Fritz Dittelbacher durch Wrabetz nicht einverstanden. Er hat sich öffentlich gegen diese Entscheidung ausgesprochen. Diesmal zeigte Wrabetz Härte und ließ den langjährigen ORF-Manager durch den Stiftungsrat abwählen. Darüber hinaus starb der technische Direktor Peter Moosmann. Er gehörte zu Wrabetz engstem Führungskreis. Von den einst sieben Direktoren, die 2006 mit Wrabetz angetreten waren, gehören mittlerweile nur noch zwei zur aktuellen Führungsriege. Der frühere Voestalpine-Manager Wrabetz steht der sozialdemokratischen SPÖ nahe. Ob er sogar Parteimitglied sei, ließ er stets offen.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa

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