Weitere Bereiche müssen mit Einschnitten rechnen
Neue Sparrunde bei Siemens-Handy-Sparte

Siemens-Chef Heinrich von Pierer greift durch. Er baut in der Mobilfunksparte ICM 2 300 Stellen ab. Bis Herbst nächsten Jahres fällt damit jeder zehnte Arbeitsplatz bei ICM weg.

cbu/jojo MÜNCHEN. In Deutschland sind 500 Jobs betroffen. Deutschlands drittgrößter Industriekonzern begründete den überraschenden Einschnitt gestern mit dem weltweiten Einbruch im Geschäft mit Mobilfunk-Netzen.

Erst in der vergangenen Woche hatte Konzernchef Heinrich von Pierer angekündigt, ab Oktober im Zentralvorstand persönlich die Verantwortung für den wichtigsten Siemens-Bereich Information und Kommunikation (I & C) zu übernehmen. Dazu gehört neben ICM die Festnetzsparte ICN und die IT-Beratung SBS. Alle drei Geschäftsfelder leiden derzeit heftig unter der anhaltenden High-Tech-Krise.

Der bisher für I & C zuständige Konzernvorstand Volker Jung, der altersbedingt ausscheidet, galt intern als zögerlich. Jetzt will von Pierer offenbar die Weichen dafür stellen, dass die Bereiche im kommenden Jahr ihre ehrgeizigen Renditeziele von 8 bis 11 % erreichen können. Es sei überraschend, mit welcher Geschwindigkeit von Pierer vorgehe, meinte gestern ein Analyst.

Siemens, mit derzeit rund 420 000 Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber Europas, hatte in den vergangenen zwei Jahren bereits konzernweit 32 000 Arbeitsplätze gestrichen. Ein weiterer Stellenabbau ist auch nach der Mitteilung von gestern nicht ausgeschlossen. Derzeit werden unter anderem die Bereiche Industrielösungen, Siemens Dematic (Logistik) und die Sparte Gebäudemanagement (SBT) umgebaut und auf Gewinn getrimmt. Entscheidungen über Stellenstreichungen sind aber noch nicht gefallen. Auch die IG Metall in München befürchtet, dass der jetzt verkündete Stellenabbau nur der Anfang ist.

Die Siemens-Mobilfunksparte hat derzeit wie die gesamte Branche mit einem deutlichen Nachfrageeinbruch zu kämpfen. Darunter hat besonders das Infrastrukturgeschäft mit Mobilfunknetzen zu leiden. „Wir haben einen drastischen Rückgang im Auftragseingang. Darauf müssen wir reagieren“, sagte ein Siemens- Sprecher. Ein Großteil der zu streichenden 2 300 Jobs entfalle auf diesen Bereich.

Mobilfunkchef Rudi Lamprecht teilte mit, der Markt sei im vergangenen Jahr um 15 % geschrumpft. Im laufenden Jahr sei mit einem weiteren Rückgang von bis zu 20 % zu rechnen. Siemens ist hinter Ericsson und Nokia die Nummer drei auf dem Weltmarkt der Mobilfunk-Netzwerkausrüster und hat in der jüngsten Vergangenheit sogar Marktanteile gewonnen. „Siemens hat gut abgeschnitten, weil mehrere neue, wenn auch kleinere Aufträge gewonnen wurden“, schreibt das Marktforschungsinstitut Gartner.

Allerdings prognostizieren die Gartner-Experten für die nahe Zukunft einen insgesamt sehr schwierigen Markt für Mobilfunknetze. Die Netzbetreiber seien weiterhin sehr zurückhaltend mit Investitionen in neue Infrastruktur.

Auch das Geschäft mit Mobiltelefonen gestaltet sich derzeit nicht leicht. Zwar konnte Siemens zuletzt zulegen, aber die Münchener verloren Weltmarktanteile und liegen derzeit auf Platz vier – weit abgeschlagen hinter den Weltmarktführern Nokia und Motorola. Zudem ist Siemens im Handy-Geschäft im abgelaufenen Quartal tief ins Minus gerauscht. Konzernchef von Pierer hofft aber auf den Erfolg neuer Handy-Modelle. Gleichzeitig verfallen jedoch in der Branche die Preise und damit die Gewinnmargen.

Die IG Metall rechnet auch bei der Produktion von Mobiltelefonen in den kommenden Monaten mit weiteren Stellenstreichungen. Es gebe sogar Verhandlungen mit anderen Konzernen, das Handy-Geschäft zusammenzulegen. Dann seien auch Jobs in der Forschung und Entwicklung bedroht, sagte Michael Leppek von der IG Metall München. Siemens will zu solchen Spekulationen keine Stellung nehmen.

Schon seit zwei Jahren leidet die Mobilfunk-Sparte unter der Marktflaute. In den vergangenen 24 Monaten fielen bereits rund 4 000 Jobs weg. In der Handy-Fertigung wurden darüber hinaus 2 400 befristete Arbeitsverträge nicht verlängert. Zuletzt beschäftigte der Bereich Mobilfunk noch 28 000 Menschen.

Im letzten Quartal wies die Sparte zwar ein positives Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 17 Mill. Euro aus. Darin waren aber positive Sondereffekte wie die Auflösung von Garantierückstellungen enthalten, ohne die ICM rote Zahlen hätte ausweisen müssen. Insgesamt wurden bisher etwa 2,2 Mrd. Euro eingespart, eine weitere Milliarde kommt jetzt hinzu. Auch die Zulieferer müssen nun bluten. Mit ihnen würden Gespräche etwa über Preissenkungen geführt. Unter anderem liefern Motorola und Infineon die Chips für Siemens-Handys. Die Siemens-Aktie gab um knapp 1 % auf gut 49 Euro ab.

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