„Das, was wir gerade in der gesamten IT-Industrie erleben, nennen wir den Methusalem-Effekt“, sagt Peter Kreutter von der WHU-Otto Beisheim School of Management in Vallendar. Im Laufe ihrer Entwicklung reifen Industrien – die Wachstumsraten flachen ab, die Zahl der Spieler im Markt sinkt. „Das ist etwas völlig Normales“, sagt Kreutter: „Der entscheidende Punkt ist nur, dass sich sowohl die Unternehmen selbst als auch der Kapitalmarkt dessen bewusst werden müssen. Der Kapitalmarkt über eine Neubewertung des Sektors im Sinne von Rendite/Risikoprofil, das Unternehmen über eine angepasste Strategie.“
Nur das fällt SAP sichtlich schwer. „Eigentlich“, resümiert ein früherer SAP-Manager, „müsste sich die SAP auf der grünen Wiese komplett neu erfinden, um an alte Wachstumsfantasien anzuknüpfen.“ In der Software-Branche würde gute Software zweimal entwickelt, einmal für einen speziellen Kunden, dann als marktfähige Standard-Ware. Danach blieben allenfalls noch „Tuning-Maßnahmen an der einen oder anderen Stelle“.
Was die aktuelle Situation in Walldorf treffend beschreibt. Die Wachstumsperspektiven des Kernprodukts R/3 sind begrenzt, die meisten Firmen nutzen es schon. Also inszeniert SAP Neuanfänge, um die Geister der Vergangenheit zu beschwören.
Frankfurt, 23. Januar 2007: Bitterkalt ist es über Nacht geworden. Die Limousinen, die den Weg aus der Kurpfalz in die deutsche Finanzmetropole gefunden haben und vor dem Japan-Tower parken, sind weiß gepudert. Oben im Konferenzsaal wärmen sich Kagermann und Apotheker auf für einen großen Tag in der SAP-Geschichte: Die Geburtsstunde der neuen Mittelstandssoftware, die den Markt für SAP verdoppeln soll.
Doch an der Börse floppt die neue Wachstumsmaschine. Die SAP-Aktie fällt sofort um über fünf Prozent.
„Sich hinstellen und ein völlig neues Kernprodukt ankündigen, das kann sich eine Firma wie SAP mit der Börsenrelevanz einfach nicht erlauben. Die Investoren wären total verschreckt“, sagt ein SAP-Berater.
Andererseits: Die Software-Industrie steckt im Paradigmen-Wechsel. „Nur traut sich keiner, laut darüber zu reden“, sagt ein Analyst. Das Lizenzmodell hat ausgedient: Software wird künftig immer seltener vor Ort installiert, sondern über das Internet zur Verfügung gestellt. Statt Gebühren, die zu Beginn einer Installation fällig werden, gibt es kontinuierliche Mieterlöse. Der direkt Zugriff auf die Nutzer – die breite Kundenbasis ist der vielleicht größte Wert einer SAP – schwindet: Die Software wird künftig von den Betreibern der Rechenzentren, den Dienstleistern geordert.
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