Werbung in Weblogs
Bloggen für Geld

Deutsche Werber tun sich schwer damit, Kunden in Weblogs unterzubringen. Das will Adical ändern, ein frisch gegründetes Unternehmen, hinter dem zwei der bekanntesten deutschen Blogger stehen. Wie das geht, verrieten die Macher exklusiv vorab dem Handelsblatt.

HB DÜSSELDORF. Johnny Haeusler sagt es selbstbewusst: „Es ist Zeit dafür. Und jemand muss es machen.“ „Es“, das ist ein Online-Werbevermarkter neuen Zuschnitts, einer der das Feld der Weblogs und Podcasts, eben dem Teil des Internet, der als Web 2.0 bezeichnet wird, der werbetreibenden Industrie schmackhaft macht. Adical (www.adical.de) heißt das Unternehmen, das Haeusler gemeinsam mit dem Werbetexter, Blogger und Buchautor („Wir nennen es Arbeit“) Sascha Lobo gegründet hat.

Die Masse der Online-Werbeschaltungen wird derzeit nach Quantität vorgenommen: Es kommt vor allem auf Klicks an, nicht wo und wie sie ausgelöst werden. Dem wollen Lobo und Haeusler ein qualitatives Modell entgegensetzen. Sowohl die teilnehmenden Blogs werden ausgesiebt, als auch die Werbekunden und deren Schaltungen. „Das ist keine automatisierte Veranstaltung, vieles wird von Hand gemacht“, erklärt Haeusler den Unterschied zwischen Adical und den großen Online-Vermarktern. Und: Die beiden Gründer sind in der Blog-Szene angesehen. Haeusler, Ex-Radiomoderator, Ex-Multimediaagentur-Chef, Ex-Punkmusiker, ist Macher des Weblogs Spreeblick (www.spreeblick.de), einem der meist gelesenen in Deutschland. Der freie Werbetexter Lobo gehört zu den Schreibern der Riesenmaschine (www.riesenmaschine.de) und ist Co-Autor des erfolgreichen Sachbuchs „Wir nennen es Arbeit“.

Derzeit vermarkten die beiden 31 Weblogs, die gemeinsam auf rund 2,8 Millionen Seitenabrufe pro Monat kommen. Weitere sollen hinzukommen. „Aber jemand der erst seit zwei Monaten bloggt passt nicht zu uns. Wir brauchen eine gewisse Verlässlichkeit“, sagt Haeusler. Bannerwerbung soll bei Adical 20 bis 60 Euro pro Tausend Kontakte kosten. „Das ist optisch ein hoher Preis. Bezogen auf die Zielgruppe aber nicht“, erklärt Lobo. Das Kalkül: Die ausgesuchten Weblogs werden aktiv angeklickt, der Anteil von Lesern, die mit Suchmaschinenmarketing und ähnlichen Tricks auf die Banner gelangen ist deutlich geringer als anderenorts. Ein „Premium-Angebot“ will Adical sein.

Im April soll der erste Kunde öffentlich gemacht werden, aus der IT-Szene wird er wohl kommen. Mehr verraten die Berliner nicht. Doch versprechen sie auch neue Werbeformate. So haben sie Ideen für Werbebanner, in denen Funktionen ablaufen. Gewöhnliche Banner müssen geklickt werden, dann wird der Nutzer auf die Seite des Werbetreibenden geleitet und agiert dort. „Weblog-Leser sind sehr viel im Internet unterwegs“, erklärt Haeusler. „Die bekommen einen Riesenhals, wenn immer neue Fenster aufgehen. Oder wenn auf einer Bannerwerbung der Spruch leuchtet: ,Klicken sie jetzt hier’.“ Eine weitere Idee: Werbebanner sollen kommentierbar sein. Und: Unternehmen, die selbst Blogs betreiben, können die jeweils jüngsten Schlagzeilen von Artikeln per RSS-Feed an die Blogs des Adical-Netzes schicken in der Hoffnung, dass die Leser dann auch das Unternehmens-Blog lesen.

Und was bleibt für die Blog-Autoren hängen? Monatlich sei ein knapp vierstelliger Euro-Betrag pro dauerhaft gebuchtem Banner realistisch, glaubt Lobo. Voraussetzung: 2000 Leser am Tag, was die meisten Weblogs mitbringen, die bei Adical mitmachen. Haeusler: „Auch geringe Einnahmen erleichtern das Bloggen. Und sei es, dass man sich die Eintrittskarte für ein Konzert kaufen kann, über das man dann bloggt“.

In der Szene wird das Projekt kritisch beäugt. So glaubt der bekannte Blogger Don Alphonso nicht an den Erfolg des Projektes (blogbar.de). „Je mehr Blogger sich verkaufen, desto radikaler werden die werden, die gegen Werbung argumentieren“, glaubt Fixmbr (www.fixmbr.de). Jens Schröder, Autor des Popkulturjunkie (www.popkulturjunkie.de) und Ersteller der Deutschen Blogcharts (www.deutscheblogcharts.de), sagt hingegen im Interview mit der Readers Edition (www.readers-edition.de): „Ich finde die Idee recht gut, bin ja auch mit meinen Blogs dabei. Denn nur in solchen Netzwerken kommen Besucherzahlen zustande, die Werbungtreibende halbwegs ernst nehmen. Und außerdem hält eine solche Firma den teilnehmenden Bloggern bei Vermarktungsdingen den Rücken frei. Der Blogger kann sich also aufs Schreiben konzentrieren. Ob das Werbenetzwerk funktioniert, muss sich in den nächsten Monaten und Jahren erst zeigen, den Versuch ist es aber auf jeden Fall wert.“

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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