Werbung
Nackte Pos und Altherrenträume

Beim Deutschen Werberat gingen 2006 zahlreiche Beschwerden wegen frauenfeindlicher Werbung ein. Einen wahren Sturm von Protesten löste ein anstößiges Anzeigenmotiv der Rundfunkzeitschrift „Hörzu“ aus. Allein 490 Beschwerdebriefe gingen deswegen beim Werberat ein. Die Zeitschrift reagierte.

DÜSSELDORF. Eine junge Afrikanerin schmiegt sich eng an einen weißen Mann. Sie trägt die typische Stammeskleidung, zahlreiche Armbänder sowie Gesichtsbemalung, dazu eine so genannte Lippenplatte, mit deren Hilfe ihre Lippe weit über das Gesichtsfeld hinausgedehnt wird. Der Mann hingegen ist in einem geschäftsmäßigen Anzug gekleidet, eine elegante Brille rundet den überaus seriösen Eindruck ab. Der Spruch, der unter dem Pärchen steht, lautet: „Irgendwann nimmt man nicht mehr irgendwas.“

Einen wahren Sturm von Protesten hat dieses anstößige Anzeigenmotiv der Rundfunkzeitschrift „Hörzu“ im vergangenen Jahr ausgelöst. Allein 490 Beschwerdebriefe gingen deswegen beim Deutschen Werberat ein. „Altherrenträume“ nannten es etwa aufgebrachte grüne Politikerinnen, die nicht nur dem Werberat, sondern auch der Zeitschrift selbst Leserbriefe schrieben. Der Werberat stimmte zu und beanstandete die Werbung. Der Axel Springer Verlag reagierte prompt – und zog das Anzeigenmotiv zurück.

In der jetzt veröffentlichten Statistik des Werberats nimmt die „Hörzu“-Werbung einen traurigen Spitzenplatz ein. Fast die Hälfte der insgesamt 1 116 (Vorjahr: 788) eingegangenen Beschwerden des letzten Jahres betrafen dieses Motiv. Auf Platz zwei folgt eine Werbung des Musiksenders MTV, der für seine Serie „Popetown“ mit dem Satz „Lachen statt rumhängen“ und einem Bild von Jesus vor einem leeren Kreuz mit der Fernbedienung geworben hatte. Nach einem Tadel des Werberats zog MTV die Anzeige zurück.

Die Anzahl der von Protesten betroffenen Werbemotive hat sich allerdings deutlich reduziert: von 403 im Jahr 2005 auf nunmehr 341 im vergangenen Jahr. „Die Wirtschaft hat inzwischen ein starkes Fingerspitzengefühl in puncto Werbung entwickelt“, sagte Volker Nickel, Sprecher des Werberats, dem Handelsblatt. Verstöße gegen Sitte und Anstand seien heutzutage die Ausnahme. „Die Unternehmen wissen: Aufsehen ist kein Ansehen“, sagte Nickel. Der Werberat tritt seit 1972 als Vermittler zwischen werbenden Unternehmen und umworbenen Verbrauchern auf.

Das Gremium prüfte im vergangenen Jahr die kritisierten Werbespots und Plakate und stimmte in 63 Fällen den Kritikern zu. Fast alle betroffenen Unternehmen reagierten darauf und zogen ihre strittigen Kampagnen zurück. Nur in zwei Fällen rührten sich die jeweiligen Firmen nicht, und der Werberat sprach daraufhin öffentliche Rügen aus.

Die eine Rüge betraf den Rendsburger Funknetzanbieter Klarmobil, der in einer Zeitungsanzeige mit dem nackten Oberkörper einer Frau und dem Text „Lust auf ’ne billige Nummer? Kannste auch deine alte mitbringen“ warb. Auch die zweite Rüge erteilte der Werberat wegen frauendiskriminierender Werbung: Die Firma KS Autoglas aus Bornheim zeigte auf einem Kleintransporter einen halbnackten Frauenpo. Ein Pfeil wies auf ein Muttermal auf dem Gesäß mit dem Hinweis „Steinschlagreparatur“ sowie „Solche Flecken auf Ihrer Windschutzscheibe reparieren wir kostenlos“. Die Diskriminierung von Frauen war überhaupt der häufigste Grund von Beschwerden.

Doch nicht immer folgte der Werberat den Beschwerden aus der Bevölkerung. Als nicht diskriminierend stufte der Werberat etwa die Eigenwerbung des ZDF – „Mit dem Zweiten sieht man besser“ – ein, bei der sich Prominente mit einer Hand ein Auge zuhalten. Den Vorwurf, damit würden sehbehinderte Menschen diskriminiert, teilte der Werberat nicht.

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