Werbung zu Weihnachten
Oh du Schnulzige

Die Flut der schnulzigen Werbefilme vor den Festtagen reißt nicht ab. Unternehmen wie Edeka, Otto oder John Lewis überbieten sich förmlich mit tränenreichen Auftritten. Warum eigentlich nur zur Weihnachtszeit?

DüsseldorfEs wird mit großen Augen gestaunt, still geweint, leidenschaftlich geküsst. So viel Gefühl gab es schon lange nicht mehr in den Weihnachtsspots der werbetreibenden Unternehmen. Zu Beginn der Adventszeit erschütterte Edeka die vor sich hin dämmernde Werbelandschaft mit seinem fulminanten Spot „#Heimkommen“. Darin inszeniert ein alter Mann seinen eigenen Tod, damit ihn seine Kinder zu Weihnachten besuchen kommen.

„#Heimkommen“ traf den Nerv der vielbeschäftigten jungen Generation: Mehr als 43 Millionen Mal wurde der Kurzfilm innerhalb von drei Wochen über die Onlineplattform Youtube abgerufen. Zum Vergleich: Der preisgekrönte Edeka-Spot „Supergeil“ erreichte vor zwei Jahren gut 15 Millionen Abrufe.

Dass dahinter nicht nur ein gestiegenes Interesse der Internetnutzer an Werbeclips steht, sondern auch eine raffinierte Marketingstrategie – branchendeutsch Seeding genannt – der verantwortlichen Agentur Jung von Matt, ahnen die Kenner. Doch das schadet dem Erfolg des Spots nicht, der schon jetzt Teil der deutschen Popkultur geworden ist:

Das Comedy-Duo Joko und Klaas inszenierte zwei Wochen später eine aufwendig gemachte Parodie auf den Edeka-Spot in der sie zusammen mit Prominenten wie Udo Walz und Palina Rojinski den Verlauf der Weihnachtsgeschichte abänderten. Die Kinder fallen dem wieder auferstandenen Vater nicht um den Hals, sondern beschimpfen ihn ob seines Streiches wüst („Du perverser alter Mann“) und erschießen ihn sogar danach. Die Werber von Jung von Matt aus dem Hamburger Schanzenviertel beobachten solche Verballhornungen fasziniert, geben sie doch nur den Bekanntheitsgrad ihres Spots wieder und steigern ihn dabei noch.

Solche Erfolge erhoffen sich auch andere: Denn nicht nur Lebensmittelhändler Edeka wirbt mit weihnachtlich-harmonischen Gefühlen, auch der Versandhändler Otto, die Kultbrause Coca-Cola oder der Fotobuchhersteller Ifolor nutzen das Fest der Liebe für gefühlige Werbefilme. Das Lieblingsmotiv ist dieses Jahr ohne Zweifel der einsame, alte Mann, der mal von seinen Kindern, mal von seiner Frau und mal von ganz Fremden aus seiner Isolation gezerrt wird.

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