Wiesenhof-Werbung
„Bereit für die größte Wurst des Sommers?“

Der Komiker Atze Schröder macht sich in seinem jüngsten Werbespot für den Wurstfabrikanten Wiesenhof über Gina-Lisa Lohfink lustig. Die Prominente steht derzeit vor Gericht. Warum sich nun auch der Werberat einschaltet.

DüsseldorfDer Komiker Atze Schröder pflegt das Proletenimage. Mit Lockenkopf, auffälliger Brille, engem Hemd – und schönem Ruhrpott-Slang. Normalerweise fliegen ihm die Herzen nur so zu, er ist ein Sympathieträger, durch und durch.

Doch mit seinem jüngsten Werbespot für den Wurstfabrikanten Wiesenhof hat er einen ordentlichen Reinfall erlebt. „Bereit für die größte Wurst des Sommers“,  fragt der Komiker und hält eine glänzende Grillwurst in die Kamera. Dann Gekicher und Glucksen, und Schröder antwortet sich selbst mit fröhlicher Stimme: „Danach müssen Gina und Lisa erstmal in die Traumatherapie.“

Der „Würste-und-Mädchennamen“-Witz des Werbespots erschließt sich ohnehin nur wenigen Menschen. Man ahnt: Es wird jetzt platt, richtig platt. In dem Wiesenhof-Spot kommt nun allerdings erschwerend hinzu, dass Schröder nicht irgendwelche Mädchennamen aufgezählt hat, sondern mit Gina und Lisa just jene, die eine junge Frau trägt, die derzeit Hauptakteurin in einem viel beachteten Vergewaltigungsprozess in Berlin ist.

Gina-Lisa Lohfink, bekannt geworden durch ihre Teilnahme an der Casting-Sendung „Germany‘s Next Top-Model“, muss sich derzeit gegen den Vorwurf vor Gericht wehren, sie habe zwei Männer zu Unrecht der Vergewaltigung bezichtigt. Ihr Fall beschäftigt seit Wochen die Medien. Es geht um eine Sexnacht, um K.o.-Tropfen und die Frage, wer was am Ende überhaupt noch wollte.

War das Ganze eine Steilvorlage für den Wurstfabrikanten? Der Shitstorm im Internet ließ zumindest nicht lange auf sich warten.

Am Mittwoch hat sich nun der Deutsche Werberat die Schmuddel-Werbung von Wiesenhof vorgeknöpft. Die Selbstkontrolleinrichtung der deutschen Werbebranche hat den Spot, der inzwischen von dem Wurstunternehmen zurückgezogen wurde, beanstandet und damit von einem speziellen Recht in ihrer Verfahrenseinrichtung Gebrauch gemacht. Denn normalerweise kritisiert der Werberat, eine Abteilung des Zentralverbands der deutschen Werbewirtschaft (ZAW), nur solche grenzwertigen Kampagnen, die noch gesendet werden.

Menschenentwürdigend und sexistisch sei der Spot, meint das Gremium. „Der Wiesenhof-Spot ist ein sehr deutlicher Fehlgriff, den das Gremium klar beanstandet hat“, urteilte Julia Busse, Geschäftsführerin des Deutschen Werberats. Sicher habe das Unternehmen mit der sofortigen Aussetzung des Spots rasch und richtig reagiert, trotzdem müsse es sich die Frage stellen lassen, warum das Video überhaupt in dieser Form gedreht wurde.

Die verantwortliche Werbeagentur KD&P stammt aus Bremen und arbeitet seit vielen Jahren für Wiesenhof. Die Abkürzung des Agenturnamens steht für die beiden Geschäftsführer Achim Kühling (Beratung) und Hannes Dänekas (Kreation).

Nicht nur Wiesenhof, auch der Komiker selbst hatte sich für den Spot vor einigen Tagen bereits entschuldigt. Der Werbespot sei vor einem Jahr gedreht worden, hatte Schröder auf seiner Facebook-Seite am Wochenende verkündet. Der Spot „hätte niemals veröffentlicht werden dürfen. Schon gar nicht jetzt, wo er einen Bezug herstellt, der ekelhaft ist und so nie gedacht war.“ Eine „große Dummheit“ sei das gewesen. Auch Wiesenhof hatte sich in Demut geübt und sich geradewegs entschuldigt.

Doch das scheint dem Werberat nicht auszureichen. Etwa 1000 Beschwerden liefen dort in den ersten zwei Tagen auf – so viel wie bei kaum einer anderen Kampagne zuvor. Mit seinen Beanstandungen – oder auch Rügen, wenn der Betroffene so gar keine Einsicht zeigt – zieht der Werberat regelmäßig Schmuddel-Werbungen in die Öffentlichkeit.

Das reicht in aller Regel, damit die Firmen ihre kommunikativen Ausrutscher ausbessern. Die deutsche Werbewirtschaft pocht auf dieses Reglement zur Nestsäuberung – und wehrt sich gegen mögliche Gesetze gegen sexistische Werbung.

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) hatte im vergangenen April einen entsprechenden Vorstoß gewagt: Sein Ministerium erstellt einen Entwurf, wonach geschlechterdiskriminierende Werbung künftig verboten sein soll. Zahlreiche Werber hatten sich im Frühjahr über den Vorstoß empört und sich stets auf den Werberat als Kontrollinstrument berufen.

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